ELFEN Kolumne

Bremer statt Musikanten

Bremer statt Musikanten

Hier schreibt Pauline Bremer, DFB-Nationalstürmerin vom VfL Wolfsburg. Nach gutem Saisonbeginn mit zwei Toren in vier Spielen zog sich die 24-Jährige im Heimspiel gegen den SC Sand am 7. Oktober einen Kreuz- und Innenbandriss im rechten Knie zu.

Augen auf und durch

Da war es also. Als mir unser Teamarzt die Nachricht mitteilte, konnte ich es nicht glauben. Ich war im Auto auf dem Rückweg vom MRT-Termin einen Tag nach dem Spiel gegen Meppen, bei dem ich mir unglücklich das Knie verdreht hatte. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf und ich musste dreimal nachfragen, ob er sich sicher war.  Diagnose: Kreuzbandriss. Mein Knie fühlte sich gut an, etwas instabil, aber Schmerzen hatte ich kaum. Mit dieser Nachricht hatte ich nicht gerechnet. Die Verletzung, die ich nie haben wollte. Nun war es also passiert.

Wie geht man mit dieser Situation um? Wie schafft man es, den Kopf oben zu halten? Welche körperlichen und mentalen Herausforderungen kommen auf mich zu? Wie kann ich sie meistern und vielleicht sogar etwas daraus lernen? Es ist nicht das erste Mal, dass ich vor einer langen Reha-Zeit stehe. Bereits vor drei Jahren habe ich mir einen Schien- und Wadenbeinbruch zugezogen, damals stand ich noch bei Manchester City unter Vertrag. Ich weiß, was auf mich zukommt. Und doch oder gerade deswegen ist es wieder ein großer Schock. In den folgenden Zeilen möchte ich gerne meine Gedanken, Erfahrungen und Erkenntnisse auf dem Weg zur Genesung mit euch teilen.

Es lohnt sich in jedem Fall, so eine Zeit mit offenen Augen durchzumachen. So schwierig die bevorstehende Zeit manchmal sein wird – sie ist auch eine große Chance, sich selbst weiterzuentwickeln und daraus zu lernen.

Am Anfang kommen sehr viele Emotionen. Mir hat es geholfen, diese einfach zuzulassen. Mir für den Moment zu erlauben, alles Scheiße zu finden, verzweifelt zu sein, Tränen fließen zu lassen und die Welt zu verfluchen. Ich denke, das ist menschlich und tut gut. Was mir wirklich sehr geholfen hat, sind Gespräche mit meinen engsten Menschen, Umarmungen, aufbauende Nachrichten und Schokolade. Ganz viel Schokolade. Nach dem Verdauen des ersten Schocks (und den ersten Tafeln Schokolade) bemühte ich mich dann aber schon, den nächsten Schritt zu gehen: die Fakten akzeptieren und positiv nach vorne blicken. Das Kreuzband ist durch, das kann ich nicht mehr ändern und nicht rückgängig machen. Aber was ich selbst in der Hand habe, ist, wie ich damit umgehe, was ich daraus mache. Will ich weiter mit meinem Schicksal hadern, mich ärgern und dadurch selbst runterziehen oder will ich positiv bleiben und versuchen, das Beste aus der Situation zu machen?

Ich bin der Überzeugung, dass alles im Leben aus einem bestimmten Grund passiert und mich letztendlich weiterbringt. Diesen Grund erkennt man nicht immer sofort, aber ich habe aus Rückschlägen in meinem Leben immer etwas gelernt. Der Weg zum Comeback wird, das weiß ich schon von meiner ersten langen Reha, ein Weg mit Höhen und Tiefen, guten und schlechten Tagen, Fortschritten und Rückschlägen, Freude und Verzweiflung. Es kommt darauf an, Schritt für Schritt zu denken und sich mit kleinen Zielen zu motivieren. Gerade jetzt führe ich mir dies immer wieder vor Augen. Von der letzten Verletzung hatte ich noch einen Nagel in meinem rechten Schienbein, der zunächst mit einer ersten Operation entfernt werden musste. Nun muss ich zwei Monate warten, bis der Knochen wieder verheilt ist und das Kreuzband operiert werden kann. Auch diese Hürde ist ein weiterer Schritt, den ich auf dem Weg bewältigen werde.

In schwierigen Momenten versuche ich immer wieder, die Perspektive und mein Blickfeld zu erweitern. Es gibt so viel Leid, Not, Katastrophen und unheilbare Krankheiten auf dieser Welt, da werden die eigenen Probleme plötzlich sehr klein und mir wird klar, dass es mir sehr gut geht. Es ist „nur“ ein kaputtes Knie! Natürlich hätte ich gut darauf verzichten können, aber alles wird wieder verheilen und es gibt weitaus Schlimmeres auf dieser Welt. Schon durch die erste Verletzung habe ich sehr viele Dinge aus einem anderen Blickwinkel gesehen, eine ganz andere Wertschätzung entwickelt und sehr vieles gelernt. Das hier noch weiter zu schreiben, würde zu weit führen, wahrscheinlich könnte ich ein ganzes Buch damit füllen.

Es gibt die Redewendung „Augen zu und durch“. Ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen, dass es sich lohnt, die Augen aufzumachen, auch wenn man eine vermeintlich schwere Zeit durchmacht. Ich bin gespannt, was das nächste Jahr bringen wird. Die Verletzung ist wieder eine neue Herausforderung, an der ich wachsen kann. Denn auch diese Herausforderung werde ich meistern, daran zweifele ich kein bisschen. Viel zu groß ist die Liebe zum Sport, zur Bewegung, zum Fußball und allem, was dazu gehört. Wenn ich an den Moment denke, an dem ich die Fußballschuhe schnüre und zum ersten Mal wieder mit dem Ball am Fuß auf den Platz gehe, springt mein Herz vor Freude und ich kann es kaum erwarten. Und so lange es auch dauern wird, wie viele Stunden ich alleine im Kraftraum schuften muss, wie viele Tränen ich vergieße und wie oft ich nur als Zuschauerin an der Seitenlinie stehe – ich bin mir hundertprozentig sicher, dass es sich lohnen wird!