History | ELFEN #4

Die Wegbereiterin

DFB-Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg hat ihren Sport geprägt

Text: Oliver Jensen

Von den Anfängen über das erste Länderspiel bis hin zur Heim-WM 2011 und Gold bei Olympia: DFB-Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg hat ihren Sport geprägt. Für ELFEN erinnert sie sich an 50 Jahre Frauenfußball in Deutschland.

Hannelore Ratzeburg blickt auf den Kunstrasenplatz ihres langjährigen Vereins Grün-Weiß Eimsbüttel in Hamburg. Mädchen und Jungs aus dem Vereins-Bewegungskindergarten toben mit einem Ball auf dem Fußballplatz herum. „Früher sah hier noch alles anders aus“, erzählt die 69-Jährige und blickt auf die Hochhäuser drumherum. „Damals waren hier überall noch Schrebergärten. Einen Kunstrasenplatz gab es auch noch nicht.“ Auf einem Fußballfeld herumtobende Mädchen waren zu jener Zeit ebenfalls nicht üblich. Dass dies heute Normalität ist, hängt eng mit ihrem Namen zusammen.

19 Jahre war sie alt, als sie ihren damaligen fußballspielenden Freund zu einer Veranstaltung des Sportvereins West-Eimsbüttel begleitete. Dieser Tag sollte ihr Leben verändern. Dort erfuhr sie nämlich, dass das Frauenfußballverbot aufgehoben ist. „Das klingt spannend“, sagte sie damals – und widmete wenig später beinahe ihre komplette Freizeit dem Fußball. Sie gründete eine Frauen- und später auch eine Mädchenmannschaft, spielte nicht nur selbst, sondern war auch noch Trainerin und Schiedsrichterin. 1975 wechselte die damalige Vorschullehrerin mit ihren Fußball-Frauen zu Grün-Weiß Eimsbüttel, weil sie dort bessere Bedingungen vorfand.

Ratzeburg trieb die Entwicklung des Frauenfußballs voran – und zwar rasant. Als Referentin für Frauenfußball beim DFB sorgte sie mit dafür, dass es eine Frauen-Nationalmannschaft, einen DFB-Pokal der Frauen und eine Frauen-Bundesliga gibt. Sie ist Mitglied in der UEFA-Kommission für Frauenfußball, holte die Weltmeisterschaft 2011 mit nach Deutschland und wurde unter anderem mit der Goldenen Ehrennadel des DFB gewürdigt. Seit dem Jahre 2007 ist sie DFB-Vizepräsidentin für Frauen- und Mädchenfußball. „Als ich mit dem Fußball begann, hätte ich niemals gedacht, dass es eines Tages eine Frauen-Nationalmannschaft oder eine Weltmeisterschaft und so weiter geben würde“, sagt sie. Wie es dann doch dazu kam, erzählt sie anhand verschiedener Erinnerungsstücke.

Die Anfänge: „Nachdem der DFB am 31. Oktober 1970 das Frauenfußball-Verbot aufgehoben hatte, haben wir 1971 beim Sportverein West-Eimsbüttel eine Frauen- und eine Mädchenmannschaft aufgebaut. Ich wollte damals alles über Fußball wissen, weil es mir einfach Spaß gemacht hat. Viele sagten immer, ich als Frau hätte ja doch keine Ahnung vom Fußball. Das wollte ich ändern, habe zum Beispiel einen Trainer- und auch einen Schiedsrichterschein gemacht. Wenn ich nicht selbst spielte oder eine Mädchenmannschaft trainierte, pfiff ich Jugendspiele. Zur Begrüßung hörte ich dann oft Dinge wie: Weißt Du überhaupt, dass der Ball rund ist? Auch wenn es viele Anfeindungen gab: Aufgeben gehört nicht zu meinem Naturell.“

Die Zeiten der Vorurteile: „Die Tageszeitung WELT schrieb am 23. November 1975 zum Thema Frauenfußball: ,Männer sehen zu und lachen.‘ Das war damals wirklich so. Im Gegensatz zu den Männern hatten wir schließlich nicht als kleine Kinder mit Fußball angefangen, konnten also noch nicht so gut spielen. Frauen auf dem Fußballplatz wurden überall belächelt. Es hieß, Frauen gehören an den Herd und sollten sich lieber um ihre Familie kümmern. So wurde in den 70er-Jahren mit uns umgegangen. Dazu muss man wissen: Wir reden hier von einer Zeit, in der die Frauen noch die Erlaubnis ihres Ehemannes benötigten, um einem Beruf nachgehen oder einen Kredit aufnehmen zu dürfen.“

Erinnerungen an das erste Länderspiel: „1982 fand das erste Länderspiel der deutschen Frauen-Nationalmannschaft in Koblenz gegen die Schweiz statt. Das Programmheft und den Durchfahrtschein habe ich als Erinnerung aufbewahrt. Das war ein großer Schritt für den Frauenfußball. Bis dahin wurden lediglich die Deutsche Meisterschaft und der Pokal ausgespielt. Doch wir wollten mehr. Da traf es sich gut, dass sich auch die UEFA vermehrt im Frauenfußball engagieren wollte. Es gab zwei Optionen: entweder ein europäischer Wettbewerb für Vereinsmannschaften oder für Nationalmannschaften. Ich hatte mich für letztere Lösung stark gemacht, weil die Kosten für Vereinsmannschaften zu hoch gewesen wären. Wir stellten schnell eine Nationalmannschaft zusammen und gewannen das Spiel gegen die Schweiz mit 5:1. Die damals 18-jährige Silvia Neid, die später Bundestrainerin wurde, schoss zwei Tore.“

Die EM im eigenen Land: „Die Europameisterschaft 1989 war emotional für alle Beteiligten das größte Highlight. Die Spiele fanden in Lüdenscheid, Siegen und Osnabrück statt. Damals gab es nur vier Teilnehmer: Deutschland, Italien, Norwegen und Schweden. Das Halbfinale gegen Italien war unglaublich spannend. Wir gewannen erst im Elfmeterschießen. Im Endspiel trafen wir auf Norwegen, das unser Angstgegner war. Ich saß mit nur einem Mitarbeiter am Tickettelefon und habe die ganzen Ticket-Bestellungen für das Finale entgegengenommen. Das Stadion war mit 23.000 Zuschauern voll, das Wetter wunderschön, die Stimmung einfach super. Wir gewannen das Endspiel mit 4:1. Als Prämie bekamen die Spielerinnen ein Kaffee- und Essservice. Die Medienaufmerksamkeit ist damals riesig gewesen. Sämtliche Zeitungen, Radio und Fernsehen berichteten über die EM. Eine Woche später fand allerdings die Tour de France statt. Da waren wir wieder vergessen.“

Als die Frauen-Bundesliga ihren Anfang nahm: „Ich konnte Horst Barrelet, den damaligen Präsidenten des Hamburger Fußball-Verbandes, überzeugen, im Jahre 1986 beim Bundestag des DFB die Gründung einer Frauen-Bundesliga zu beantragen. Der DFB befürchtete anfangs, wir würden nicht genügend Mannschaften zusammenbekommen. Also mussten wir erst einmal die Vereine abklappern und uns von ihnen zusichern lassen, dass sie auf eigene Kosten am Spielbetrieb der Bundesliga teilnehmen würden. Die Resonanz war großartig: 20 Vereine hatten wir gesucht, wir bekamen aber mehr als 40 Zusagen. Also wurde die Einrichtung einer Bundesliga beschlossen. 1990/1991 fand die erste Saison statt. Meister wurde der TSV Siegen.“

Triumphe bei den Weltmeisterschaften: „2003 wurden wir zum ersten Mal Weltmeister. Die Weltmeisterschaft sollte eigentlich in China stattfinden, wurde aber aufgrund des Ausbruchs des SARS-Virus in die USA verlegt. Frauenfußball war in den USA bereits damals sehr populär und galt dort als typische Frauen-Sportart, während Männer eher American Football oder Baseball spielten. Die Tickets waren unglaublich teuer, weil die Amis dachten, die USA würde ohnehin in das Finale kommen und für volle Stadien sorgen. Doch es kam anders: Unsere deutsche Nationalmannschaft machte sensationelle Spiele, gewann im Halbfinale mit 3:0 gegen die USA und zog in das Finale gegen Schweden ein. Die Amerikaner haben daraufhin die Finaltickets zu Tiefpreisen verschleudert. Das Endspiel in Carson war dadurch gut besucht. Das Publikum ist fair gewesen, und wir gewannen im Finale mit 2:1 durch das Golden Goal von Nia Künzer. Vier Jahre später, als die WM 2007 dann in China stattfand, verteidigten wir den WM-Titel erfolgreich.“

Frauenfußball-Boom bei der Heim-WM 2011: „Das Eröffnungsspiel im Berliner Olympiastadion war der Hammer. Die Idee dafür, in dieses große Stadion zu gehen, kam von Thomas Bach (heute Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Anm.d.Red.). Ich hatte ein bisschen Sorgen, weil wir nicht einschätzen konnten, ob wir wirklich 75.000 Leute in das Stadion bekommen würden. Aber wir haben es gewagt und spielten beim 2:1 gegen Kanada tatsächlich vor ausverkauftem Haus. Die WM war super: Wir hatten tolles Wetter, ausverkaufte Stadien und eine großartige Stimmung – bis es dann zum deprimierenden Ausscheiden kam. Im Viertelfinale unterlagen wir Japan in der Verlängerung mit 0:1. Die Japanerinnen standen noch unter dem Eindruck der Nuklearkatastrophe von Fukushima. Mit ihrer Teilnahme wollten sie positive Signale in die Heimat senden. Das haben sie geschafft. Bei uns kam hinzu, dass sich Kim Kulig schon ganz zu Beginn des Spiels schwer verletzte. Diesen Ausfall konnte unsere Mannschaft nicht kompensieren. Danach haben wir alle geheult. Weil aber so viele Menschen von der WM angetan waren, sind wir die Mannschaft der Herzen gewesen. Immerhin.“

Der Olympiasieg 2016: „Nachdem wir aufgrund des frühen WM-Ausscheidens Olympia 2012 verpasst hatten, waren wir vier Jahre später in Brasilien dabei. Von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro bekamen wir lange nichts mit, weil wir in anderen Städten unsere Spiele bestritten. Erst als wir zum Finale nach Rio reisten, zogen wir in das Olympische Dorf ein – so wie man sich das vorstellt. Das Endspiel fand im legendären Maracanã statt, wo die Männer zwei Jahre zuvor Weltmeister wurden. Es war das letzte Spiel von Bundestrainerin Silvia Neid. Mit dem Olympiasieg bescherten die Mädels ihr ein schönes Abschiedsgeschenk. Ein unvergesslicher Erfolg an einem unvergesslichen Tag.“