Biz | ELFEN #3

Eine Erfolgsstory wie im Film

Julia und Mona sind Gründerinnen der dm-Erfolgsmarke Langhaarmädchen

Foto: Blaenksen

Zwei Friseurinnen lernen sich auf der Arbeit kennen, finden sich gegenseitig klasse, gründen ein Label und sind – schwupps – mit über 20 Haarpflegeprodukten beim größten europäischen Drogeriekonzern im Regal. Was klingt wie ein modernes Märchen, ist Julia Schindelmann (31) und Ramona Mayr (30) tatsächlich passiert. Sie sind die Gründerinnen der dm-Erfolgsmarke Langhaarmädchen.

 

Ihre Erfolgsstory, würde sie verfilmt werden, würde ganz sicher als Kitsch im höchsten Maße abgestempelt werden. Aber der Film, den Julia und Mona derzeit leben, ist weit weg von einem erfundenen Storyboard. Fakt ist jedoch: Die Marke brummt! Vor allem die Shampoos und das Haar-Parfum gehen wie geschnitten Brot. Bäääm! Ein Volltreffer, den die beiden mit ihrer Idee gelandet haben. Natürlich gehört eine gehörige Portion Glück zu einem derartigen Business-Erfolg dazu. Aber auch der eiserne Wille, etwas auf die Beine stellen zu wollen, Disziplin und Kalkül.

Im Gespräch mit Friseurmeisterin Julia („Wir sind alle per Du in der Firma“) wird schnell klar, dass hier echte Business-Women die Bürste schwingen und keine naiven Mädels mit einer fixen Idee am Werk sind.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Nach einer fulminanten Friseur-Ausbildung in Würzburg (2010 Deutschlands beste Jungfriseurin, Meistertitel mit der Abschlussnote 1,3 und anschließender Begabtenförderung/Stipendium) verschlägt es Julia Schindelmann nach München. Das Anheuern bei Star-Friseur Lippert misslingt aufgrund einer schlechten Telefonverbindung. Ein Glück, denn so ließ sie das Schicksal den Weg von Friseurmeisterin und Hair & Make-up Artist Ramona in der Bayernmetropole kreuzen. „Wir haben uns vom ersten Tag an verstanden, waren quasi sofort BFF.“ Das Beste-Freundinnen-Glück sollte aber bald einen Dämpfer erleiden, als Mona beschloss weiterzuziehen. Sie packte ihre Sachen und zog mit Schere und Kamm in die weite Welt hinaus. In Australien angekommen und nach erlangter Erkenntnis, dass man selbst down under viele Haare für sein Geld schnippeln muss, kratzte sie ihre letzten Kröten zusammen, um sich einen kleinen Bus zu kaufen und damit das Outback zu erkunden. Haare-Auszeit.

BOP (so das Nummernschild des Vans) war mit Motivationsstickern des Vorgängers übersät. Und nach vielen Nächten in der Wildnis und dem Studium jeder Menge Business-Bücher reifte die Überlegung: „Ich muss mit Julia das ganz große Ding reißen – und zwar in unserem Handwerk.“

Dem Ruf der Wildnis erlag schließlich 2015 auch Julia. Sie kehrte München daraufhin ebenfalls den Rücken und es ging ab zu Mona in den BOP. Vier Wochen tuckerten die beiden Ladys schließlich an der Küste entlang und tüftelten einen Business-Plan aus: „Wir müssen eine eigene hochwertige Haarpflegeserie für Langhaarmädchen auf den Markt bringen. Die erste nahbare Beautybrand mit Persönlichkeit und Herz. Und die muss dort verkauft werden, wo alle Mädchen gerne einkaufen: bei dm!“ Die Marke war geboren.

Foto: Horst Klemment

Zurück in Deutschland ging es dann auch ratzfatz: Mit einem geliehenen Zehn-Meter-Oldtimer-Bus fuhren sie zum Oktoberfest und boten den Mädels an, deren Haare zu flechten. ProSieben berichtete über die Schlangen vor dem skurrilen Bus in München. Somit wurde die Friseurakademie auf die beiden aufmerksam. Und hier klopft immer mal dm an, wenn es darum geht, Stylingberater und Haar-Profis für Promotionzwecke zu buchen. Und zack: Das Engagement zur GLOW by dm 2016 am Stand der dm-Marke Balea flatterte auf den Tisch.

Um es abzukürzen: Die dm-Manager waren beim anschließenden Termin in der Konzernzentrale in Karlsruhe platt vom unbeschwerten, authentischen und zielstrebigen Auftreten der beiden. „Wir haben auf die dm-Leute eingeredet wie ein Wasserfall. Wir haben ihnen gesagt, dass wir ein fertiges Konzept für eine bombastische Marke inklusive Namen und Logo in der Tasche haben“, erinnert sich Julia. Schnell war allen Beteiligten klar, dass Langhaarmädchen Potenzial für eine eigene dm-Marke hätte – die beiden hatten die dm-Manager überzeugt.
Seither führen rund 3.700 dm-Filialen in 13 Ländern der Welt Langhaarmädchen-Produkte. Die Kernzielgruppe liegt zwischen 15 und 25 Jahren. Es greifen aber auch immer mehr Frauen jenseits der 25 ins Sortiment von Julia und Mona.

Ihre Firma, die sich hauptsächlich um die Promotion der Marke kümmert, hat zehn Beschäftigte. Ein gemeinsames Büro gibt es nicht, alle arbeiten von zu Hause aus – in Deutschland verstreut. Produktion und Vertrieb regelt dm. Insbesondere über Social Media erreichen die Langhaarmädchen ihre Langhaarmädchen. Podcasts und Insta-Storys informieren über Neues, Wichtiges und weniger Wichtiges.

Ein ausrangierter US-amerikanischer Schulbus wurde unter Zuhilfenahme von Julias Eltern in Würzburg zum coolen Hippie-Styling-Mobil umgebaut. Dort, wo Mona und Julia mit dem 9,4-Tonnen-Ungetüm auftauchen, bilden sich sofort Menschentrauben. „Wir haben beide speziell dafür den Lkw-Führerschein gemacht.“

Viele Stunden stehen junge Frauen vor dem BOP Schlange, um sich für einen guten Zweck die Haare stylen oder flechten zu lassen. Oftmals sind die beiden Gründerinnen selbst vor Ort, vielfach ist aber auch das Team im Bus zugange. „Wir beide können das alles kaum bewältigen, immerhin haben wir ein erfolgreiches Start-up zu managen“, sagt Julia. Das Verhältnis zum Partner dm könnte besser nicht sein. Sogar Gründer Götz Werner saß schon im BOP und hat sich seine noch wenigen grauen Haare aufhübschen lassen.

Und wie geht das Märchen weiter? Eine Kurzhaarjungen-Brand wird es jedenfalls nicht geben, das wäre nicht authentisch. Und darum geht es Julia und Mona: um Authentizität. Vielleicht legen sie ja mit dem Launch einer Ladenkette nach. Beste Kontakte zum Friseurbedarf bestehen ja. Jedenfalls wird eisern geschwiegen, was da noch auf uns zukommt. Aber was kommen wird, wird natürlich wieder reiflich ausgeheckt sein – bei ihren Promotiontrips mit dem BOP durch die Republik. So wie es ein kitschiges Drehbuch nicht besser hergeben könnte. Business as usual.

Foto: Horst Klemment