Welt | ELFEN #1

Eine Geschichte vom Glück

… oder wo sich Almuth Schult und ihr Team vom VfL Wolfsburg die Eier holen

ELFEN Magazin - ELFEN Welt - Eine Geschichte vom GlückFoto: Michael Handelmann

Ob Wir wirklich alle Kischlees bedienen wollen, möchte Almuth Schult wissen. Was für eine Frage, na klar! Aber nur die über ihr Leben auf dem Bauernhof in Lomitz, nicht die über Frauenfussball. Also Eier in die Hand nehmen, ins Hühner-Gehege und am Schluss noch rauf auf den alten blauen Traktor und in die Kamera gelächelt. Hilft ja alles nichts …

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Lomnitz, Gemeinde Prezelle, Kreis Lüchow-Dannenberg – Eine 1879 erbaute Kapelle, zehn kleine Straßen, 40 Häuser, 120 Einwohner, zahlreiche Hühner

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„Hier sind meine Eltern, meine Geschwister, meine Freunde und mein Mann, mit dem ich nach der Karriere eine Familie gründen möchte. Ich kann mir für unsere Kinder keinen besseren Ort zum Aufwachsen vorstellen als diesen hier.“

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Auf die Reportage aus dem kleinen Dorf Lomitz im Wendland haben wir uns schon seit dem Moment gefreut, als wir von der Chatgruppe „Hofladen“ in der Kabine des VfL Wolfsburg erfuhren. Auf Bestellung versorgt die Torhüterin ihre Mitspielerinnen, Trainerteam und Mitarbeiter der Geschäftsstelle mit Eiern von glücklichen Hühnern, frischer Milch und zum Teil saisonalen Angeboten. Sie bringt die Lebensmittel vom Hof ihrer Schwester mit ins 86 Kilometer entfernte Wolfsburg. „Liebe Almuth, für mich bitte 6 Eier und zwei Liter Milch, danke und liebe Grüße Poppi“, steht dann da. Frauenfußball und Eier? Hatten die Nationalspielerinnen in einem Werbespot zur Fußball-WM 2019 nicht gesagt, sie bräuchten keine? Der Sache wollen wir auf den Grund gehen, mit einem Besuch des Dörfchens, in dem sich die Wölfinnen ihre Eier holen!

Lomitz, Gemeinde Prezelle, Kreis Lüchow-Dannenberg. Rund um die 1879 erbaute Kapelle liegen zehn kleine Straßen, die zu 40 Häusern und 120 Einwohnern führen. Eine von ihnen ist Almuth Schult. Als wir an ihrem gepflegten Einfamilienhaus vorfahren, schallt uns schon ein fröhliches „Moin“ entgegen und ihre dunkle Lockenmähne erscheint im Türrahmen. Deutschlands beste Torhüterin, die derzeit noch im Reha-Training nach einer Schulter-OP steckt. bittet uns herein. Zur Taktikbesprechung am Küchentisch!

„Das wichtigste ist, dass man glücklich ist im Leben“

Die bodenständige 28-Jährige erklärt uns, warum sie ihr Leben in Lomitz immer dem in Madrid, London oder Paris vorziehen würde. Schließlich könnte sie aufgrund ihrer fußballerischen Fähigkeiten überall wohnen. „Das wichtigsteist, dass man glücklich ist im Leben“, sagt sie. „Und das bin ich hier. Hier sind meine Eltern, meine Geschwister, meine Freunde und mein Mann, mit dem ich nach der Karriere eine Familie gründen möchte. Ich kann mir für unsere Kinder keinen besseren Ort zum Aufwachsen vorstellen als diesen hier.“

Wie zum Beweis macht sie sich in Gummistiefeln und Arbeitshose auf den Weg durch den Ort. Zuerst geht es nur ein paar Meter rüber zu dem Bauernhof, der seit mehreren hundert Jahren in Familienbesitz ist und den heute Almuths Schwester Annika und ihr Mann Frank betreiben. Mutter Uta und Vater Carsten Schult, die den Hof an die jüngere Generation abgegeben haben, arbeiten ebenfalls im Familienbetrieb mit. Almuth und ihre Brüder packen auch noch mit an, wenn Not am Mann ist. „Das ist das Landleben,
als Bauer arbeitet man rund um die Uhr. Das kennen wir von klein auf nicht anders“, sagt Almuth. Die Welttorhüterin von 2014 ist sich bis heute für keine Aufgabe zu schade: Sie mistet aus, füttert die Hühner, treibt die Kühe auf die Weide. Weniger gern putzt sie die Fenster und fegt den Hof.

Das Hauptgeschäft des Betriebes liegt heute in der Milchwirtschaft: Für die 70 Kühe wurde 2018 ein offener Wohlfühlstall neu gebaut, in dem ihnen von Massagebürsten der Rücken geschrubbt wird. Die erzeugte Milch geht an die nahegelegene Großmolkerei Uelzena oder wird von den Einwohnern an der rund um die Uhr geöffneten Milchtankstelle gezapft. Die Eier der braunen und weißen Legehennen werden direkt im Ort verkauft. Mais und Getreide sind als Futtermittel gedacht, mit dem Holz aus den eigenen Wäldern beheizen die Schults ihre Häuser. „Wir können uns dank des Hofes weitestgehend allein versorgen, verarbeiten zum Beispiel auch manchmal die Milch weiter zu Joghurt“, erklärt Almuth. Hin und wieder veräußert die Familie ein Rind an regionale Fleischer.

Weiter geht’s die 50 Meter zum Spritzenhaus der Freiwilligen Feuer, das im Jahr 2009 für das moderne Einsatzfahrzeug einen Anbau erhielt. Almuth war hier schon als Zehnjährige in der Jugendfeuerwehr aktiv und ist es bis heute. Im Spind mit ihrem Namen hängt ihre Ausrüstung, ihr Helm steht obendrauf: „Die Feuerwehr ist einer der gesellschaftlichen Mittelpunkte in Lomitz, hier ist aus fast jeder Familie einer aktives Mitglied.“ Als wäre es ein Ernstfall hat sie innerhalb von Sekunden ihre Einsatzkleidung an und erklärt die feuerwehrtechnische Ausrüstung auf dem Feuerwehrfahrzeug. Auch im Schützenverein Lomitz von1888 e.V. ist die berühmteste Tochter des Ortes Mitglied und marschiert beim Schützenumzug mit. In ihrer Jugendzeit zählte auch noch Standard-Tanz zu ihren Hobbys, doch dafür fehlt die Zeit.

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Idylle aus dem Bilderbuch
Lomnitz im Wendland – Rund 86 Kilometer entfernt von Wolfsburg.
Hier sagt man „Moin“

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Gegenüber dem Schützenhaus liegt ein umgekipptes Fußballtor aus Aluminium im kniehohen Unkraut. Auf dieser Wiese begann vor über 23 Jahren die Karriere der späteren Olympiasiegerin, Europameisterin und vielfachen Deutschen Meisterin und Pokalsiegerin. Hier wurden die Brüder und Nachbarsjungen von der kleinen „Alma“ umdribbelt. Mit fünf Jahren folgte sie dann ihrem Bruder Hartwig in den Fußballverein FC SG Gartow. Bis zur F-Jugend spielte Almuth dort auf dem Feld, bevor der Trainer sie mit achtJahren zur Torhüterin machte. „Er sagte, es könne keiner der Jungs besser als ich“, sagt Almuth über den Entdecker ihres besonderen Talents.

Auf dem Weg durch Lomitz stoßen wir immer wieder auf Nachbarn, die für ein freundliches „Moin“ und einen kurzen Plausch mit Almuth stehen bleiben. Natürlich kennt in Lomitz jeder jeden, auch die bekannteste Tochter des Ortes, die hier keinerlei Starkult genießt, sondern für alle einfach nur die Almuth oder „Alma“ ist. Seit sie vor zwei Jahren ihr Haus in Lomitz gekauft hat und seit dem nun fast jeden Morgen zum Training und abends zurück ins Wendland fährt, ist sie wieder häufiger anzutreffen. Almuth freut es, dass auch immer mehr junge Leute in der Region bleiben und ihr Glück nicht in der Fremde suchen. Vielleicht erweckt jaeiner der Jüngeren mal einen der schönen leerstehenden Fachwerk-Höfe zu neuem Leben?

Arbeit gibt es in der Umgebung auch genug. Die meisten Lomitzer sind auf einem der zwei Bauernhöfe im Ort beschäftigt, in umliegenden Handwerksbetrieben oder bei einem der nahen Zulieferbetriebe der Automobilindustrie. Ein Bus bringt die Kinder zur Schule und zurück. Wer einkaufen möchte, muss mindestens acht Kilometer in einen der nächsten Orte fahren. Auf den Straßen des Dorfes geht es übrigens auch tagsüber richtig geschäftig zu: Kinder sind auf ihren Fahrrädern unterwegs zu Freunden oder dem Spielplatz, Traktoren ziehen Erntewagen in die Scheunen und die Telekom verbuddelt gerade quer durchs Dorf Glasfaserkabel.

Almuth Schult plant, nach der Karriere und dem Abschluss ihres Sportstudiums im Wendland zu bleiben: „Ich schreibe erst mal meine Bachelor-Arbeit und lasse dann mal alles auf mich zukommen, es sollte aber eine Beschäftigung sein, die eine Verbindung zum Sport hat. Ich möchte mich jetzt noch gar nicht festlegen. Hoffentlich bleibe ich lange gesund und kann noch ein paar Jahre im Tor stehen.“

Nach einem anstrengenden Nachmittag in Lomitz haben wir alle Fotos im Kasten, die wir für die Reportage vom Land benötigen: Almuth mit den Kühen auf der Weide, bei den Hühnern im Freigehege, mit Ball auf ihrem ersten Bolzplatz und in Uniform der Freiwilligen Feuerwehr… Wir sind schon beim Einpacken, da erinnert sich unser Fotograf an den kleinen alten Ford-Traktor, den er unter einem Carport im Ort hat stehen sehen. „Können wir noch ein Foto mit Dir auf dem Traktor machen?“, fragt er in Richtung Almuth. „Der gehört unserem Ortsbrandmeister, ich frage ihn“, sagt sie, nicht ohne uns darauf hinzuweisen, dass das nur ein Klischee sei, dass sie hier auf dem Traktor fahre.

Kurz darauf sitzt Almuth Schult auf dem Fahrersitz, wirft den Dieselmotor an und legt den ersten Gang ein. Mit einem Lächeln im Gesicht knattert sie los. Scheinbar mühelos und genauso souverän wie den Strafraum vor ihrem Tor beherrscht sie auch den fast 60 Jahre alten Oldtimer. So sehen glückliche Landbewohner aus …

Immer einsatzbereit
Almuth ist bereits seit der Jugendfeuerwehr im freiwilligen Dienst vor Ort
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