Das große ELFEN-Interview
mit Almuth Schult

„Es geht um Chancengleichheit“

Mit Almuth Schult gibt es derzeit einiges zu besprechen. Immerhin leistet die 30-Jährige Pionierinnenarbeit und ist als Mutter von Zwillingen wieder voll im Spielbetrieb der FLYERALARM Frauen-Bundesliga angekommen. Nun hat sie überdies mit acht Mitstreiterinnen ein äußerst beachtenswertes Thesenpapier zur Verbesserung der Lage von Frauen im Fußball verfasst. Grund genug, die Keeperin des VfL Wolfsburg zum ausführlichen ELFEN-Interview zu bitten.

E Deine Kids, Saisonendspurt beim VfL Wolfsburg, jetzt auch noch Medienmarathon – wie stressig ist es gerade, Almuth Schult zu sein?

AS Das ist vor allem eine Frage der Organisation. Ich weiß schließlich, worauf ich mich eingelassen habe. Und dass die Medienanfragen zunehmen, wenn man ein Positionspapier herausbringt, war auch zu erwarten. Alles gut – und wenn es zu viel wird, kann ich ja immer noch nein sagen.

E Das „Experiment“ Kinder und Profisport läuft also zu Deiner Zufriedenheit?

AS Ja, es läuft ungefähr so wie ich es mir gewünscht habe. Ich habe nicht viel zu meckern (lacht).

E Wie fiel die Reaktion aus, als Du dem VfL eröffnet hast, dass du schwanger bist? Glückwünsche, aber mit leichter Panik in der Stimme? War der Verein darauf vorbereitet?

AS Ob der Klub vorbereitet war, müsstest Du die Verantwortlichen fragen (lacht). Kurz geschluckt haben sie schon, aber sich dann auch authentisch mit mir gefreut. Beide Seiten wussten, dass es eine interessante Zeit werden würde. Aber ich habe mich von Seiten des VfL immer gut unterstützt gefühlt. Es ist für alle neu, erfordert viel Dialog und auch gelegentliche Kompromisse. Dass ich eine tolle, große Familie im Rücken habe, hilft natürlich ungemein.

E Im Podcast Mittag’s bei Henning hast Du erwähnt, dass Dich andere Spielerinnen kontaktieren, um sich Tipps abzuholen. Was möchten die wissen?

AS Sie fragen nach Vertraglichem oder wie ich in sportlicher Hinsicht durch die Schwangerschaft gekommen bin. Übrigens interessiert das nicht nur andere Fußballerinnen, sondern auch SportwissenschaftlerInnen oder TrainerInnen. Es ist ein spannendes Thema, weil zum Beispiel hormonell extrem viel passiert. Ich spreche gerne darüber, nicht zuletzt, weil ich dabei helfen möchte, anderen Athletinnen, die ebenfalls während ihrer Karriere Mutter werden möchten, den Weg zu ebnen.

E Apropos sportliche Aspekte: Du bist stufenweise wieder eingestiegen und hast zunächst einige Partien in der 2. Mannschaft des VfL Wolfsburg absolviert. Der erste Einsatz in der FLYERALARM Frauen-Bundesliga war das Auswärtsspiel in Duisburg, bei dem Du kaum gefordert warst. Dann allerdings kam sofort der Knüller gegen die Bayern. Wie hast Du Deine Rückkehr wahrgenommen?

AS Zuallererst war es ein schönes „Wiederankommen“ im Beruf. Es ist einfach toll, etwas, was man geliebt hat, wieder ausüben zu können. Ich bin unserer Reserve sehr dankbar, weil ich dort die Möglichkeit bekommen habe, wichtige Spielpraxis zu sammeln. Als Torhüterin kann man sich schließlich nicht mal eben für zehn Minuten einwechseln lassen. Und was die FLYERALARM Frauen-Bundesliga angeht, war ich froh, dass ich vor dem Topspiel die Partie in Duisburg nutzen konnte, um die Kommunikation mit der Abwehrreihe wieder abzustimmen.

E Wie war der erste Eindruck, nachdem Du wieder auf dem Feld standst? Mehr „ich bin weiter, als ich dachte“ oder mehr „das wird ein langer, steiniger Weg“?

AS Es gab verschiedene Level. Das erste Mal wieder Fußball zu spielen war cool und ich war erstaunt, wie wenig ich verlernt hatte. Als es dann in Richtung Torwartspiel ging, war es eher der lange, steinige Weg (lacht). Aber das erste Mannschaftstraining zum Beispiel war einfach ein tolles Erlebnis.

E Im Spitzenspiel gegen den FC Bayern gab es Mitte der ersten Halbzeit eine Situation, in der Du eine Flanke in den Strafraum im Gedränge mit Autorität wegfausten musstest. Als Beobachter von außen sah das nach einer Schlüsselszene aus, die Deine Rückkehr zur alten Leistungsfähigkeit belegte. Spürt man solche Momente selbst auch, oder ist das Ganze eher ein längerer, durchgehender Prozess?

AS Es ist ein Prozess, aber einzelne Szenen helfen abzuschätzen, wie weit man bereits ist. Ich bin noch nicht auf dem gleichen Niveau wie vor zwei Jahren, noch nicht ganz so schnell in meinen Aktionen, aber auf einem sehr guten Weg.

„Warum soll man einen Beruf, den man liebt, an den Nagel hängen?“

E Hast Du jemals darüber nachgedacht, den vermutlich entspannteren Weg zu wählen und Deine Karriere zu beenden? Schließlich hättest Du wahrlich genug erreicht, um abzutreten.

AS Was heißt entspannter? Weiter arbeiten müssen hätte ich ja ohnehin, denn ich habe mir bisher überraschenderweise keine fünf Millionen beiseitelegen können, von denen ich jetzt zehren kann. Und warum soll man einen Beruf, den man liebt und den man noch auf hohem Niveau ausüben kann, an den Nagel hängen? Irgendwann kommt der limitierende Faktor des Alters ohnehin ins Spiel, oder man bekommt keinen Vertrag mehr. Aber dieser Zeitpunkt kann gerne noch etwas warten. Momentan möchte ich weiter Fußball spielen.

E Du spielst aber nicht nur Fußball, sondern beschäftigst Dich auch mit den Strukturen dieser Sportart. Zuletzt hat ein Thesenpapier für Aufsehen gesorgt, das unter der Überschrift „Fußball kann mehr“ Forderungen nach mehr Gleichberechtigung und Diversität in den Führungszirkeln des Fußballs formuliert. Zusammen mit acht weiteren Protagonistinnen aus dem „Kosmos Fußball“ gehörst Du zu den Unterzeichnerinnen. Wie kam es zu dieser Initiative und warum hast Du Dich entschlossen, dabei zu sein?

AS Es begann mit einigen wenigen Initiatorinnen, am Ende waren wir zu neunt. Uns alle eint das Ziel, Frauen in der derzeitigen Fußballgesellschaft besser zu positionieren. Mit dem Papier tun wir unsere Meinung kund und zeigen gleichzeitig Gesprächsbereitschaft. Unsere Gruppe charakterisiert eine große Heterogenität hinsichtlich unserer Rollen. Sie deckt viele Bereiche ab, unter anderem Profisport, Medien, Fans, Sponsoring und die Schiedsrichterei. Die Probleme sind allerdings überall die gleichen. Das ist einerseits traurig, aber andererseits auch Ansporn, etwas zu verändern.

E Der Text wurde just zu einem Zeitpunkt publik, an dem beim DFB eine Männerriege den Karren ordentlich in den Dreck gefahren hat. Zufall oder gewollt?

AS Das Timing ist tatsächlich Schicksal, wir haben schon weit vor dieser Zeit daran gearbeitet. Aber natürlich spielen uns die momentanen Entwicklungen in gewisser Weise in die Karten, weil sie unseren Eindruck bestätigen und unsere Thesen verstärken.

E Einer der Kernpunkte des Papiers ist die Forderung nach einer verbindlichen Frauenquote von 30 Prozent in den Führungsriegen von Klubs und Verbänden bis 2024. In der zweiten Ausgabe der ELFEN Anfang 2020 hat unsere Erhebung ergeben, dass der Anteil derzeit bei etwa acht Prozent stagniert. Hilft da nur eine verbindliche Quote mit Sanktionen bei Nichteinhaltung?

AS Die seit Jahren stattfindenden Versuche, ohne Quote voranzukommen, haben nicht das gebracht, was wir uns wünschen würden. Manchmal braucht es eine festgeschriebene Grundlage, um etwas anzustoßen. Nehmen wir als Beispiel die FA, den englischen Fußballverband. Nachdem es dort meines Wissens zur Lizenzauflage für die Männervereine wurde, ein Frauenfußballteam in der 1. oder 2. Liga zu haben, folgte ein intrinsisches Engagement der Klubs, weil sie sich dachten: ‚Na wenn wir es schon machen, wollen wir auch bei den Frauen die Besten sein.‘

Klar wäre es schöner, wenn tatsächlich immer nach Leistung entschieden würde, aber diese Begründung dient leider oft nur als Vorwand, um wieder einmal den Mann auszuwählen. Eine Quote kann nachhelfen beim Umdenken.

Faustpfand: Schult war sofort wieder sicherer Rückhalt

Faustpfand: Schult war sofort wieder sicherer Rückhalt (imago images/Hübner)

E Es gilt inzwischen allgemein als erwiesen, dass Diversität förderlich ist, was den Output einer Gruppe jedweder Art anbelangt. Große Konzerne handeln längst nach diesem Prinzip. Hat der Fußball diesen Zusammenhang einfach noch nicht verstanden?

AS Zu einem gewissen Grad ist das geschichtlich gewachsen. Immerhin hat es lange genug gedauert, um Frauen überhaupt in den Fußball zu bringen. Aber es ist doch unbestritten, dass Diversität guttut. Eine Durchmischung von Geschlechtern und Hintergründen. Das würde zum Beispiel auch den DFB wieder nahbarer machen, ihm mehr Identifikationskraft verleihen. Statt Machtkämpfen käme es zu mehr Kompromissbereitschaft. Der Verband steht derzeit massiv in der Kritik, dabei sollte er ein Vorbild sein und der Maßstab für alles, was sonst im Fußball passiert.

E Die wenigen Frauen, die einflussreiche Positionen im Fußball bekleiden, werden gerne als Argument angeführt, dass Frau es sehr wohl schaffen könne. Diesem Phänomen setzt das Positionspapier folgenden starken Satz entgegen: „Aus der Exotik entsteht keine Kraft.“ Was ist damit gemeint?

AS Wenige ist genau das richtige Stichwort, denn es sind vereinzelte Beispiele. Nehmen wir das SchiedsrichterInnen-Wesen. Natürlich, Bibiana Steinhaus-Webb oder Stéphanie Frappart haben es geschafft, in diese Männerdomäne vorzudringen und auf Top-Niveau zu pfeifen. Aber musste eine Bibiana Steinhaus-Webb dafür nicht vielleicht viel mehr kämpfen als ein Felix Brych? Hatte sie wirklich die gleichen Voraussetzungen, wurde ihr die gleiche Förderung zuteil? Dazu würde ich gerne mal ein Interview mit den beiden lesen. Es geht um Chancengleichheit.

E Trauen sich Frauen vor diesem Hintergrund gar nicht erst, sich für das Berufsfeld Fußball zu entscheiden?

AS Ich habe diese systemische Chancenungleichheit selbst erlebt, als ich mich für eine TrainerInnen-Hospitation beim Nachwuchsleistungszentrum eines Männervereins beworben habe. „Was wollen Sie denn hier, wir hatten noch nie ne Frau!?“ lautete die erste Reaktion. Am Ende habe ich sie mit Vehemenz überzeugt und es verlief alles reibungslos, aber diese anfängliche Ablehnung hätte viele Frauen sofort entmutigt. Auch Rahmenbedingungen sind ein wichtiger Punkt. Müttern sollte es möglich sein, zu arbeiten, zum Beispiel durch vereinseigene Kitas.

E Apropos Verein: wie ist es denn um die Diversität bei Deinem Arbeitgeber VfL Wolfsburg bestellt? Auf den ersten Blick sind an den entscheidenden Stellen auch ausschließlich Männer unterwegs? Versuchst Du, diesbezüglich einzuwirken?

AS Unser Cheftrainer und unser Sportdirektor sind männlich, aber im TrainerInnen-Team und auf der Geschäftsstelle ist Diversität durchaus gegeben. Allerdings haben wir auch drei männliche Geschäftsführer. Da darf sich perspektivisch gerne etwas ändern. Der VfL schreibt sich Vielfalt auf die Fahne und ich als Vielfaltsbotschafterin des Klubs stehe dafür auch ein.

„Viele sind froh, dass jemand mal explizit die Missstände anspricht“

E Das Papier ist nun seit einigen Tagen öffentlich. Wie sind die Reaktionen bis dato ausgefallen?

AS Natürlich gab es ein paar kritische Stimmen, die einer Quote skeptisch gegenüberstehen und den Zeitrahmen für zu kurz halten. Aber wir haben überwiegend Zuspruch erhalten. Viele Spielerinnen haben sich der Aktion spontan angeschlossen, weil sie froh sind, dass mal jemand explizit die Missstände anspricht.

E Das war auch unser erster Eindruck. Endlich konkrete Zahlen und verbindliche Forderungen, anstatt der immer gleichen vagen Formulierungen.

AS Darum ging es uns vorrangig. Die Ergebnisse der verschiedensten Runden zu diesem Themenkomplex blieben bisher immer unverbindlich. Schön, dass gefördert werden soll, aber wirklich zu etwas verpflichten möchte sich nie jemand. Und das Zeitfenster ist ja nicht in Stein gemeißelt, es ist lediglich der erste Ansatzpunkt.

E Die unmittelbare Nachfolge von Fritz Keller kommt vermutlich etwas zu früh, aber hegst Du eigene Ambitionen, dich mittelfristig in verantwortungsvoller Position einzubringen?

AS Grundsätzlich habe ich mit der Unterschrift meine Haltung dargelegt: Ich möchte Frauen im Fußball nach vorne bringen und das in jeder Funktion, in der diese in diesem Bereich brauchen. Wenn man mich für geeignet erachtet und wenn es in einem vernünftigen Team passiert, schließe ich nichts aus. Schauen wir mal, was die Zeit bringt.