ELFEN Interview
mit Stephan Lerch

„Es gibt einiges zu gewinnen“

Momentan tut sich einiges im Leben des Stephan Lerch: Der Erfolgstrainer des VfL Wolfsburg ist frischgebackener Fußball-Lehrer und wechselt am Saisonende aus der FLYERALARM Frauen-Bundesliga in den männlichen Jugendbereich der TSG Hoffenheim. Davor möchte er seine eindrucksvolle Titelsammlung mit den Wölfinnen noch um ein weiteres nationales Double erweitern. Gründe genug, den 36-Jährigen zum großen ELFEN-Interview einzuladen.

E Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zur bestandenen DFB-Fußball-Lehrer-Prüfung. Wie haben Sie die Doppelbelastung aus Lehrgang und der Leitung eines Topklubs in der FLYERALARM Frauen-Bundesliga empfunden?

SL Es war eine große Herausforderung und ich bin an meine Grenzen gekommen. Zwischenzeitlich habe ich mich beim Training in Wolfsburg für eine Woche etwas ausgeklinkt, um den Fokus auf einer Aufgabe behalten zu können. Zum Glück habe ich hier einen tollen Staff, das stellte also kein Problem dar. Manchmal habe ich diejenigen Lehrgangsteilnehmer ein bisschen beneidet, die aufgrund von Corona nicht mit ihren Teams auf den Platz durften und sich damit voll auf die Ausbildungsinhalte konzentrieren konnten. Die wiederum waren neidisch, dass ich weiter mit meiner Mannschaft arbeiten durfte (lacht).

E Sie sprechen Ihre Mannschaft an. Für die beginnt gerade der „Wahrheitsmonat Mai“ mit zwei Endspielen in den beiden nationalen Wettbewerben. Es beginnt am Sonntag mit dem Gipfeltreffen in der FLYERALARM Frauen-Bundesliga (9. Mai, 13 Uhr, NDR). Kommen diese Titelchancen etwas unverhofft, nachdem es lange nach einem Durchmarsch der Bayern ausgesehen hatte?

SL Vor vier Wochen war die Ausgangslage zumindest eine komplett andere. Vor dem Pokalhalbfinale gegen den FC Bayern hatten uns viele abgeschrieben, was zum einen am sehr starken Saisonverlauf der Münchnerinnen lag und zum anderen daran, dass wir unsere aus den Vorjahren bekannte Dominanz vermissen ließen. Jetzt sollten wir mit Spaß und Freude an diesen Endspurt herangehen. Es gibt einiges zu gewinnen und wir haben es selbst in der Hand.

„Unsere Leistungen sind stabiler geworden“

E Spielt der VfL Wolfsburg genau zum richtigen Zeitpunkt seinen besten Fußball? Einige Verletzte sind zurückgekommen und die Neuzugänge scheinen inzwischen integriert.

SL Natürlich sind das Faktoren, die eine Rolle spielen. Leistungsträgerinnen wie Ewa Pajor und Alex Popp sind länger ausgefallen. Dazu kam ein erheblicher Umbruch im Sommer und die ungewohnte Belastung eines Champions League-Turniers, das nur fünf Tage vor dem Rundenstart endete. Das hat nachgewirkt, auch mental. Der kurzfristige Abgang von Pernille Harder war ebenfalls nicht sofort zu kompensieren, denn unser Spiel war nicht zuletzt auf sie zugeschnitten. Mittlerweile greifen gewisse Umstrukturierungsmaßnahmen und neue Automatismen haben sich etabliert. Unsere Leistungen sind stabiler geworden und wir wollen diesen Rückenwind jetzt nutzen, um über die Ziellinie zu kommen.

E Sie haben Pernille Harder angesprochen. Die Dänin wurde vom FC Chelsea aus dem laufenden Vertrag in Wolfsburg herausgekauft, ein bisher eher ungewöhnlicher Vorgang im Frauenfußball. Belegen solche Ereignisse, dass der Wettbewerb an der Spitze sich immer mehr intensiviert? Ist es schwieriger geworden, nationale und internationale Titel gewinnen?

SL Einfach war es zu meiner Anfangszeit auch nicht. Wenn man in drei Wettbewerben fast in jeder Saison bis zum Ende dabei ist, ergibt sich eine erhebliche Gesamtbelastung. Aber klar, die Frauenfußball-Landschaft verändert sich. Immer mehr große Vereine drängen mit exzellenten Rahmenbedingungen und finanzieller Wucht auf den Markt. Es gibt inzwischen mehr Top-Vereine als Top-Spielerinnen, da stimmt das Verhältnis nicht. Ich meine damit nicht sehr gute Spielerinnen, von denen gibt es viele. Sondern die absolute Weltklasse, diejenigen, die den Unterschied ausmachen können. Und beim Werben um diese Akteurinnen sind wir mittlerweile seltener in der Pole Position.

E Deutsche Klubs hatten eine solche Vormachtstellung einst inne. Ist es möglich, sie zurückzuerlangen und wenn ja, wie?

SL Zunächst einmal bietet die neue Konstellation auch die Möglichkeit, neue Wege zu gehen. Die Kaderplanung wird langfristiger und aussichtsreiche Talente früher verpflichtet, gegebenenfalls ausgeliehen. Junge Spielerinnen aus dem In- und Ausland bekommen eher ihre Chance.

Was die Stars anbelangt, müssen wir die Attraktivität der Liga wieder erhöhen. Alle Akteure sollten sich hinterfragen, ob da nicht noch mehr geht. Die Vereine sind am Zug im Hinblick auf Investitionen in die Infrastruktur. Der Verband und die Liga bei Lizenzkriterien und Zulassungsvoraussetzungen, aber auch in Sachen Sichtbarkeit und Außendarstellung. Die Spielerinnen wollen gesehen werden und haben diese Anerkennung auch verdient. Wenn ich mir manche Highlight-Clips aus der FLYERALARM Frauen-Bundesliga anschaue, die lieblos und kenntnisarm zusammengestückelt sind – da fehlt es an Wertschätzung und wenn die Spielerinnen diese hier nicht finden, suchen sie eben woanders.

Stephan Lerch im Interview

„Es gab lose Anfragen, aber nichts Konkretes“

E Apropos Attraktivität der Liga: Sie war offensichtlich nicht attraktiv genug, um ihren erfolgreichsten Trainer der letzten Jahre halten zu können…

SL Eines vorweg: ich hätte hier in Wolfsburg weiterarbeiten können und habe mich aus verschiedenen, teils auch persönlichen Gründen dagegen entschieden. Weiterhin wollte ich den Frauenfußball nicht zwingend verlassen, aber es gab aus diesem Bereich nur einige lose Anfragen, nichts Konkretes. Die TSG Hoffenheim dagegen hat sich extrem um mich bemüht und mir eine tolle Perspektive geboten. Ich wende mich aber keineswegs dauerhaft vom Frauenfußball ab und kann mir auch vorstellen, eines Tages wieder dort zu arbeiten.

E Sie werden in Hoffenheim die männliche U17 übernehmen. Wie werden Sie diese neue Aufgabe angehen?

SL Vieles im fußballerischen Kontext wird ähnlich sein. In puncto Übungsauswahl werde ich zahlreiche Elemente mit hinübernehmen können. So groß sind die Unterschiede nicht, denn der gemeinsame Nenner ist immer der Fußball. Trotzdem darf man nicht vergessen, dass ich es hier in Wolfsburg mit gestandenen Erwachsenen und hochdekorierten Nationalspielerinnen zu tun habe, während in Hoffenheim pubertierende Jungs auf mich warten (lacht). Natürlich verändert das den Ansatz.

E Ihren Abschied vom VfL haben Sie sehr früh bekanntgegeben. Hatten Sie nie Bedenken, dass dadurch Unruhe in der Mannschaft entstehen könnte?

SL Nein, ich kenne die Spielerinnen gut genug, um mir diesbezüglich sicher sein zu können. Vielleicht unterscheidet sich der Frauenfußball hier vom Männerbereich. Da gab es ja zuletzt einige Beispiele für größere Verwerfungen nach solchen Bekanntgaben. Mir war aber klar, dass das bei uns nur kurz ein Thema sein würde. Das wird zur Kenntnis genommen, vielleicht bedauert oder von einigen begrüßt und dann geht es weiter mit der professionellen Zusammenarbeit.

E Spielemarathon mit den Wölfinnen, der Fußball-Lehrer-Lehrgang, jetzt Hoffenheim…hatten Sie überhaupt schon eine ruhige Minute, um Ihre enorm erfolgreiche Zeit in Niedersachsen einmal Revue passieren zu lassen?

SL Bisher hat das Tagesgeschäft solche Gedanken überlagert. Ich hoffe, dass ich im Sommer die Muße finde, einmal innezuhalten. Aber wenn ich an den Abschied hier denke, wird mir schon etwas mulmig. Im positiven Sinne, denn das wird enorm emotional werden. Immerhin hatte ich hier eine überragende Zeit und habe die Gelegenheit bekommen, meine zwei größten Träume zu verwirklichen: vom Fußball leben zu können und die Ausbildung zum Fußball-Lehrer abzuschließen. Das sehe ich als echtes Privileg und dafür bin ich äußerst dankbar.