Liga | ELFEN #3

Giulia Gwinn Superstar

So tickt Deutschlands populärste Fußballerin

Influencerin, Testimonial, Brand Ambassador – Giulia Gwinn ist eine Erfolgsstory der Generation Z. Vor allem in den sozialen Netzwerken geht die 21-Jährige richtig steil. Woher kommt diese enorme Popularität? Und wie gelingt der Spagat zwischen Sportplatz, Selfies und Sponsoren? Auf den Spuren eines Phänomens.

Ein Interview mit Giulia Gwinn zu ergattern, ist dieser Tage gar nicht so einfach. Ihr medialer Workload werde gerade etwas heruntergefahren, heißt es von Seiten des FC Bayern München zunächst. Damit sie sich auf den Sport konzentrieren könne. Am Ende geben die Rot-Weißen aber doch grünes Licht. Das anfängliche Zögern ist ein Indiz dafür, dass der Mittelweg zwischen Fußball und Fame erste Schlaglöcher bereithält.

Keine Spur von Stress jedoch beim Telefonat: „Ich hab Zeit.“ Giulia Gwinn ist eine äußerst angenehme Gesprächspartnerin. Eloquent, witzig, spontan. „Nein, das wäre mir dann zu wenig authentisch“, verneint sie die Frage, ob per Rhetoriktraining in Sachen Kommunikationsfähigkeit nachgeholfen wurde. Man ist geneigt, ihr zu glauben. Überhaupt sei es der gebürtigen Friedrichshafenerin „sehr wichtig, bei mir und ehrlich zu bleiben, keine Fassade aufzusetzen.“

Der Ansatz verfängt. Mit gerade einmal 21 Jahren gehört Gwinn zu den bekanntesten Sportlerinnen Deutschlands. Bei Instagram folgt ihr eine knappe Viertelmillion Menschen. Die WELT nannte sie unlängst das „Gesicht des deutschen Frauenfußballs“. Sie wirbt unter anderem für eine weltbekannte Kosmetiklinie und einen Sportartikelgiganten. Wie lässt sich dieser rasante Aufstieg in die erste Reihe der Fußballprominenz erklären?

Gwinn ist fotogen, smart und ihren Namen hätte sich eine Medienagentur nicht alliterativ-wohlklingender ausdenken können. Soweit die Klischees. Es steckt jedoch weitaus mehr dahinter. Zum Beispiel ihre Hochbegabung auf dem Rasen, die in der Berichterstattung leider häufig in den Hintergrund tritt. Sie ist schnell, beidfüßig und technisch stark. Zudem strahlt sie Torgefahr aus, obwohl sie häufig auf der rechten Außenbahn in einer nominell eher defensiven Rolle aufgeboten wird.

Nicht umsonst schaut sie sich ihren Bayern-Arbeitskollegen Joshua Kimmich besonders genau an. „Seine Spielanlage und die Art und Weise, wie er die Position des rechten Außenverteidigers interpretiert, beeindrucken mich.“ Ihre Statistiken ähneln sich schon in vielen Bereichen, nur bei der Gesamtzahl der Pässe pro Partie klafft noch eine deutliche Lücke zwischen Kimmich (89) und Gwinn (54). „Joshua besitzt die Fähigkeit, ein Spiel an sich zu reißen. In meinem zweiten Jahr in München möchte ich auch mehr und mehr dahin kommen. Und natürlich Titel gewinnen, die fehlen mir bisher ja noch.“

Gwinns Entwicklung zur Influencerin auf dem Feld wurde in der abgelaufenen Runde vor allem durch eine Schulterverletzung verhindert, die eine Operation und einen mehrmonatigen Ausfall nach sich zog. „Es war eine Saison mit Höhen und Tiefen. Der Plan war eigentlich, den Schwung aus der WM mitzunehmen und am Anfang hat das auch gut geklappt, aber dann kam eben die Schulter dazwischen.“ Ihre erste größere Zwangspause war eine schwierige Erfahrung: „In der Reha wird man quasi zur „Einzelsportlerin“ und lernt den Fußball nochmal viel mehr zu schätzen.“


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Jetzt kann die Wiedergenesene den Saisonbeginn kaum abwarten und begrüßt den neuen Konkurrenzkampf im Team: „Von der ersten Trainingseinheit an war richtig Power drin. Wir sind jung und unbekümmert. Das Tempo ist nochmal höher.“ Ihr eigenes Standing habe sich auch verändert: „Natürlich dreht sich das ein bisschen. Letzten Sommer haben mich die anderen in der Bayern-Familie super aufgenommen und nun versuche ich das gleiche bei den Neuzugängen.“

Apropos Bayern-Familie: stimmt eigentlich die hinlänglich ausgeschlachtete Geschichte, dass schon die kleine Giulia in FCB-Bettwäsche geschlafen hat? „Das muss ich ja jetzt sagen (lacht). Nein, wir waren schon ein „roter“ Haushalt, was den Lieblingsverein betrifft. Vom Bodensee ist man recht schnell in München und Spiele in der Allianz-Arena waren echte Highlights in der Kindheit.“ Eine Kindheit, die mit dem Wechsel zum SC Freiburg im Jahr 2015 bereits mit 16 endete. „Deswegen sagt meine Mutter immer, dass ich so viel selbständiger sei, als mein älterer Bruder.“ Ob man das so schreiben könne: „Klar, das weiß er ja auch selbst.“

Höhepunkte im Erwachsenenleben der Giulia Gwinn dokumentiert sie gerne bei Social Media: „Als kleines Mädchen bin ich meinen Idolen auch bei Facebook und Instagram gefolgt. Deshalb finde ich es super, wenn Mädels, die selbst spielen, jetzt mich nach Tipps fragen. Aber ich poste nicht um des Postens willen.“ Nervt der Hype nicht auch manchmal? „Nein, ich genieße das. Je mehr Follower man hat, desto mehr rutscht man auch in eine gewisse Verantwortung. Es gibt einem eine Stimme.“

Was aber sind die Highlights im Alltag der „Nationalspielerin des Jahres 2019“? „So aufregend geht es gar nicht zu. Die wenige freie Zeit verbringe ich mit Freunden, gehe shoppen oder probiere andere Sportarten aus, zum Beispiel Volleyball oder Tennis.“ Irgendwelche versteckten Talente? „Ich singe gerne. Aber ohne Talent. Und ich mag es, schnell Auto zu fahren.“


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Im Promo-Video des Kosmetikherstellers erzählt Gwinn untermalt von Streicherklängen ihre Geschichte. Wie sie anfangs bei den Jungs belächelt wurde, wie skeptisch die Mama war, wie sie Widerständen zum Trotz an ihrem Traum festhielt. Böswillige Zeitgenossen könnten das etwas gekünstelt finden. Aber dann streckt sie am Ende verschmitzt die Zunge raus – und schon hat die Sympathiekeule wieder zugeschlagen. Der Clip wurde bei Youtube in einem Monat über 500.000 Mal abgerufen.

Vielleicht liegt exakt darin das Erfolgsgeheimnis der Giulia Gwinn. Sie ist ein echter Star, im doppelten Wortsinn. Besonders genug, um zu fesseln und gleichzeitig normal genug, um nicht zu befremden. Deshalb werden die Interviewanfragen nicht abnehmen. Und auch wenn man künftig immer härter kämpfen muss, um sie vors Mikro oder ans Telefon zu bekommen: Es lohnt sich.