Das große ELFEN-Interview
mit Jasmin Pal (SC Sand)

„Wir waren ein eingeschworener Haufen“

Mit einem geradezu unwirklichen Saisonendspurt sicherte sich der SC Sand auf der Zielgeraden den Klassenerhalt in der FLYERALARM Frauen-Bundesliga, nachdem die Zeichen lange auf Abstieg gestanden hatten. Torhüterin Jasmin Pal trug mit starken Leistungen maßgeblich zu diesem „finale furioso“ bei. Wir haben mit der 24-jährigen Österreicherin gesprochen.

E Man kann es sich ungefähr ausmalen, aber dennoch: wie war die Stimmung bei Euch nach dem Schlusspfiff gegen Bayer 04 Leverkusen, als der kaum noch für möglich gehaltene Ligaverbleib feststand?

JP Ziemlich ausgelassen (lacht). Gerade in Anbetracht der äußerst schwierigen Ausgangslage waren wir überglücklich, dass wir es am Ende sogar aus eigener Kraft geschafft haben.

E Die Kaltgetränke flossen also in Strömen?

JP Ja, also nur Cola natürlich (lacht, vgl. Bild weiter unten).

E Hand aufs Herz: habt Ihr wirklich immer daran geglaubt, es noch schaffen zu können?

JP Klar wussten wir, dass es richtig kompliziert werden würde, aber ein Aufgeben hat nie stattgefunden. Und nach dem ersten Erfolgserlebnis gegen Bremen haben wir noch mehr gegenseitiges Vertrauen gefasst – wir in den Trainer, der Trainer in uns, aber auch wir in uns selbst.

E Ihr habt in den ersten 18 Saisonspielen 52 Gegentore kassiert, in den letzten vier Partien aber nur ein einziges. Wie ist dieser unglaubliche Turnaround gerade in der Defensive zu erklären?

JP Wir wurden einfach sehr gut eingestellt. Jede Spielerin hat genau gewusst, was sie kann und was sie machen soll. Uns war klar, dass es im Abstiegskampf vorrangig auf harte Arbeit ankommt. Und wir waren ein eingeschworener Haufen – Spielerinnen, Trainer, Betreuer, usw. Alle haben mitgezogen und einen enormen Teamspirit aufs Feld gebracht. Das hat sich auch darin gezeigt, dass wir häufig nach Auswechslungen noch stärker geworden sind.

E Hilft dabei auch das generelle Selbstverständnis des SC Sand, sich als „gallisches Dorf“ wacker gegen die Übermacht der Großklubs zur Wehr zu setzen?

JP Es ist auf jeden Fall etwas Besonderes, für den einzigen „Dorfverein“ in der FLYERALARM Frauen-Bundesliga zu spielen. Hier geht es zu wie in einer Familie, jeder ist für den anderen da und man kann sich aufeinander verlassen.

„Nur Cola“ – Jasmin Pal feiert den Klassenerhalt mit dem SC Sand.

E Der Druck war dennoch enorm. Schließlich wäre es im Falle eines Abstiegs vermutlich auch um Eure sportlichen Existenzen als Profifußballerinnen gegangen.

JP Und um das Lebenswerk derjenigen, die diesen Klub aufgebaut haben. Aber daran haben wir so wenig wie möglich gedacht, sondern uns mehr mit den unmittelbareren Dingen beschäftigt. Der Trainer hat uns viel Druck genommen und wir konnten befreit aufspielen.

E Du hast den neuen Coach Alexander Fischinger angesprochen. Mit ihm ging es nach dem Trainerwechsel steil bergauf, wobei er stets betont hat, dass er die Mannschaft von seiner Vorgängerin Nora Häuptle in einem sehr guten Zustand übernommen hat. Was hat er verändert? Pflegt er eine eher emotionale oder eher analytische Ansprache?

JP Zunächst einmal hat uns Nora Häuptle viele Werkzeuge an die Hand gegeben, das sollte nicht vergessen werden. Aber Alex Fischinger hat uns vielleicht noch andere Wege aufgezeigt, diese Werkzeuge im Spiel einzusetzen. Es ist ihm gelungen, auf einer emotionalen Ebene einen Draht zu jeder Spielerin aufzubauen und so das jeweilige Potential abzurufen.

E Ihr wart zum Saisonende top in Form. Hättet Ihr Euch gewünscht, dass die Runde gleich weitergeht?

JP Ehrlich gesagt waren wir doch froh, als das Ganze mit positivem Ausgang für uns rum war. Die Endphase war nervenaufreibend und die Pause kommt sehr willkommen.

E Für Dich war es die Premierensaison in der FLYERALARM Frauen-Bundesliga. Zu Beginn wurdest Du durch eine Verletzung früh zurückgeworfen. Dafür war das Finish enorm stark, schließlich warst Du in den vergangenen Wochen Dauergast bei unseren ELF-EN der Woche. Wie fällt Dein persönliches Fazit aus?

JP Mein Start in die neue Liga war definitiv schwierig, aber ich habe es mit der Zeit geschafft, mir neues Selbstvertrauen aufzubauen. Es ist eine erhebliche Umstellung gegenüber der Liga in Österreich, was Tempo und Athletik anbelangt. Das merkt man auch im Tor.

E Beim wegweisenden Spiel gegen Werder Bremen seid Ihr früh in Rückstand geraten und Du sahst beim 0:1 recht unglücklich aus. Trotzdem hast Du Dich im weiteren Spielverlauf zum großen Rückhalt für Dein Team entwickelt. Muss man gerade als Torhüterin ein „schlechtes Gedächtnis“ haben und Fehler schnell vergessen? Merle Frohms hat das Torwartspiel bei uns in ELFEN #5 sogar mit einer Einzelsportart verglichen und die mentalen Aspekte auf dieser Position betont.

JP Es geht weniger ums Vergessen, aber man muss eine weniger gelungene Aktion schnell abhaken. Fünf Sekunden verarbeiten, sammeln, fertig. Man darf nicht abschalten oder „hängenbleiben“, denn es wird noch eine Menge Situationen im Spiel geben und man muss konzentriert bleiben. Ansonsten gebe ich Merle Recht: Keeperinnen sind Einzelkämpferinnen und es spielt sich viel im Kopf ab. Wenn Dich jemand aus einem Loch wieder herausholen kann, bist Du es oft selbst.

E Wie bist Du überhaupt im Tor gelandet?

JP Mein Papa war ebenfalls Torwart und ich habe mir immer total fasziniert seine Spiele angeschaut. Also wollte ich auch in den Kasten…und bin nie wieder rausgekommen (lacht). Ich habe aber auch im Feld gespielt, auf der Sechs und der Zehn, und mache das auch heute noch gerne.

E Wo soll es für Dich persönlich noch hingehen? Dein Vertrag beim SC läuft noch bis 2022.

JP Große Pläne finde ich schwierig, weil es ohnehin meistens anders kommt. Perspektivisch würde mich England reizen, aber es kann genauso gut sein, dass ich noch lange hier bleibe.