Welt | ELFEN #3

Mission: Formel 1

Sophia Flörsch drängt in Richtung Pole Position

Text: Christian Neubert

Foto: Dutch Photo Agency
Letztes Jahr Tiger Woods, 2018 Roger Federer: Bei den Laureus World Sports Awards werden mit dem „Comeback des Jahres“ Sport-Asse gekürt, die auf herausragende Karrieren noch einen draufsetzen konnten. Dieses Jahr ging die Auszeichnung an Sophia Flörsch – und insofern an eine Sportlerin, die mit gerade mal 19 Jahren erst am Anfang ihrer Karriere steht. Ein unglaubliches Comeback ist der jungen Rennfahrerin dennoch geglückt: Sie sitzt wieder im Cockpit, die Hände fest am Steuer. Das ist keineswegs selbstverständlich. Denn kurz vor ihrem 18. Geburtstag, als frischgebackene Abiturientin, bestritt sie das Weltfinale der Formel 3 in Macau. Unverschuldet wurde Sophia da Opfer eines technischen Fehlers, eine Kollision war unvermeidlich. Ihr Rennauto verlor beide linken Räder, sie war nur noch Passagier im eigenen Rennauto. Der Wagen hob ab und schleuderte mit knapp 280 Sachen über die Bande und voll in die Streckenbegrenzung.

Foto:  Diederik van der Laan / Dutch Photo Agency 

Das Unfallvideo wurde bei YouTube knapp eine Million Mal geklickt. Ein regelrechtes Horrorszenario. Wer es sieht, wähnt sich zweifellos als Zeuge eines tödlichen Unglücks. Dass Sophia den Crash überlebt hat und nach erfolgreicher Wirbelsäulen-OP wieder komplett wiederhergestellt ist, grenzt an ein Wunder. Seither drängt es Sophia Flörsch wieder in ihren Boliden. Nur dort sei sie „ganz bei sich“, sei „ganz sie selbst“, wie sie sagt. „Auch wenn mich der Unfall natürlich mein Leben lang begleiten wird.“

Die Operation dauerte elf Stunden, einer Querschnittslähmung entging sie nur knapp. Doch nach der Reha, bereits vier Monate nach dem Crash, saß sie wieder im Cockpit. Sogar nach Macau kehrte sie zurück. Ein Jahr nach dem Unglücksrennen. „Es klingt vielleicht komisch, aber für mich hat sich schnell alles wieder normal angefühlt. Schon beim ersten Mal, als ich nach meinem Unfall im Auto saß, war mir klar: ich mache weiter“. Das Vertrauen an sich und an die Sicherheitstechnik der Rennwägen hat sie nicht verloren. Ebenso wenig den Willen, es bis nach oben zu schaffen. „Ich will nicht in den Köpfen bleiben als das Mädchen, dass den Unfall gebaut hat. Ich will mit Erfolg überzeugen – als Frau, die mit den Männern mithalten kann, die Männer besiegen kann.“ In der Formel 1 wohlgemerkt, ihrem klar formulierten Ziel. „Ich will in die Königsklasse.“ Wenn sich die Formel E im Laufe der nächsten Jahre als solche etablieren sollte, dann eben dort. „Und Weltmeisterin werden“, was bislang noch keiner Frau gelang – und was auch nicht weiter verwundert, wenn man bedenkt, dass Frauen im Rennsport generell die absolute Ausnahme darstellen.

Sophias Ehrgeiz fußt auf soliden Meilensteinen, die ihre bisherige Karriere kennzeichnen. Als Vierjährige entdeckte sie den Spaß am Kartfahren. Der Ehrgeiz, gewinnen zu wollen, kam als Grundschülerin. Mit 14 fuhr sie in England ihre erste Tourenwagenmeisterschaft, im Grunde genommen als Übergangslösung, weil die deutsche Formel 4 das Mindestalter auf 15 erhöhte. Sie erzielte prompt einen Doppelsieg. Mit 17 schließlich, vor dem Unfall, fuhr sie die erste Top Ten Platzierung ein.

Bedingt durch die Corona-Krise lag die Rennsaison bis vor kurzem zwar erst mal auf Eis. Für Sophia, deren eigentlicher Führerschein quasi noch druckfrisch ist, blieb lediglich der Straßenverkehr in und um ihren Heimatort Grünwald bei München. Den mit Rennsport zu vergleichen sei allerdings Quatsch. „Das sind komplett verschiedene Sachen, unterschiedlicher noch als Tennis und Federball“. Außerdem kümmern sich bei den Rennen die Mechaniker und Ingenieure ihres Racing-Teams um den Wagen. Den Ölwechsel an ihrem Mini musste sie stattdessen selbst erledigen.

Sophia überbrückte die Durststrecke im Keller ihres Elternhauses, wo ein Rennsimulator die eigentlichen Testfahrten ersetzt. Zwar bildet er die echten Rennstrecken ab, ebenso reale Fahreigenschaften, weswegen sich die simulierten durchaus nah an den richtigen Rennen bewegen – zumal sie gegen Fahrer antrat, die wie sie der Fortführung des Rennsports entgegenfieberten. „Aber es ist nun mal nicht dasselbe. Deswegen freut es mich umso mehr, nun wieder meine Chancen nutzen zu können.“

Aktuell hat sie dazu wieder viele Gelegenheiten, denn je lockerer die Corona-Beschränkungen wurden, desto strammer wurde ihr Rennprogramm. „Zwei Events der FIA Formel 3 am Red Bull Ring und eines am Hungaroring habe ich bereits absolviert, am kommenden Wochenende geht es nach Silverstone“, erzählt Sophia. Sicher ist auch der Start bei den 24 Stunden von LeMans sowie das Langstreckenprogramm der European LeMans Series in Barcelona, Monza und Portimao, das sie in einem reinen Frauenteam antritt. Bis Anfang November gibt es also viel zu tun für Sophia. „Gut so, ich bin heiß!“