Liga | ELFEN #2

Punch in der Faust, Präzision im Fuss

Nicole Billa – Kicken und Kickboxen

ELFEN Liga - Nicole Billa - Kicken und KickboxenFoto: Dana Rösiger

„Fußball ist keine Sportart, die für Frauen geeignet ist, schon deshalb, weil er ein Kampfsport ist“, schlaumeierte einst Sepp Herberger auf dem Holzweg. Nicole Billa straft ihn doppelt Lügen. Sie steht bei der TSG 1899 Hoffenheim im Sturm, zählt zu den erfolgreichsten Torjägerinnen der Liga. Für die österreichische Nationalmannschaft tritt die Tirolerin ebenfalls an. Obenauf erlangte sie diverse Landesmeisterinnentitel und je drei EM- und WM-Titel. Als Juniorin – im Kickboxen.

Vor ihren Kämpfen pushte sie sich mit Musik hoch. Mit Rock, mit viel Bass, die Kapuze überm Kopf. Nach den Kämpfen war es stets sie, die noch stand. In sechs Profijahren blieb sie ungeschlagen. Nicole Billa verlor keinen einzigen Kampf, wurde regelmäßig österreichische Meisterin im Kickboxen. Als Juniorin gewann sie dreimal den EM-Titel, dreimal auch die Weltmeisterschaft. Als Grundschülerin, zu Beginn ihrer Kickboxkarriere, ist sie ausschließlich gegen Jungs angetreten, „weil es keine Mädchen gab“. Wie vorher schon beim Fußball, im Kindergartenalter, als sie samstags auf dem Rasen stand.

Im Kickboxen gab es schließlich nichts mehr zu erreichen für Nicole. Im Fußball sehr wohl. Mit 17 hängte sie daher kurzerhand die Boxhandschuhe an den Nagel, verabschiedete sich von der Matte. Das Kicken blieb. Den sportlichen Fokus zu verschieben fiel ihr nicht schwer. Sie „liebe eben die Herausforderung“, sagt sie. Und um die geht es ja schließlich im Sport. Längst spielt sie auch im Fußball ganz oben mit. Im vergangenen Dezember wurde sie in Österreich zur Fußballerin des Jahres gekürt.

1996 wurde sie in Kufstein geboren. Eine gewisse Sportbegeisterung wird einem da, in den Bergen Tirols, ein Stück weit in die Wiege gelegt – und Billa entpuppte sich schnell als Multitalent. Sie spielte Volleyball in der Schulmannschaft, interessierte sich für Basketball, ebenso fürs Skifahren. Auch da bewies sie ihr Allround-Talent, nahm an Wettkämpfen im Riesenslalom teil. Am höchsten stand allerdings Fußball im Kurs. Kickboxen gesellte sich auf Anraten ihrer Mutter hinzu. Die war der Ansicht, sie müsse sich beim Spielen mit anderen Kindern besser durchsetzen. „Ich war einfach ein sehr zurückhaltendes Mädchen“, sagt sie. „Beim Kickboxen sollte ich mich austoben. Und das habe ich. Dabei habe ich viel Selbstdisziplin gelernt – und mich selbst viel besser kennen gelernt.“

Jetzt lernen ihre Gegenspielerinnen sie kennen. Als torgefährliche Stürmerin mit Anpacker-Ambitionen. Das zeichnete sich schon früh ab. Mit 14 Jahren debütierte Billa bei Wacker Innsbruck – und im gleichen Zuge direkt beim ÖFP-Pokal. Mit 15 wurde sie als eine der ersten Absolventinnen für das österreichische Nachwuchsleistungszentrum für Frauenfußball nach St. Pölten berufen. Dort unterschrieb sie zur Saison 2013/14, wurde mit ihrem neuen Team direkt Vizemeisterin – und heimste obendrein den Titel der erfolgreichsten Torschützin ein. Mit 24 Buden. Zwei mehr als Stürmerinnenstar Nina Burger. Auch im Pokal bewies sie Treffsicherheit und ließ mit acht Toren die Konkurrenz hinter sich. Im Sechzehntelfinale der Champions League kam sie ebenfalls zum Einsatz. Das Resultat: Zwei Tore in zwei Spielen.

Dem aufstrebenden österreichischen Frauennationalteam gab das zusätzlichen Aufwind, ihrer eigenen Karriere sowieso. Mit St. Pölten entschied sie einmal die Meisterschaft und wurde zweimal Pokalsiegerin. 2013 wurde sie erstmals für die A-Nationalmannschaft berufen, als Siebzehnjährige. Parallel kickte sie in der U-19-Auswahl, bestritt dabei das Qualifikationsmatch zur EM 2014. Zuvor gehörte sie ab 2011 der U17-Auwahl an, davor, mit 15, dem Nationalteam-Nachwuchs.

Seit der Saison 2015/16 kickt Billa nun in Deutschland. Bei der TSG 1899 Hoffenheim, die dank Billas Torstärke vom Mittelfeld Richtung vorderem Tabellenplatz drängt – und auf den Einzug in die Champions League hoffen kann. Ehrfürchtiges Entgegenfiebern löst das bei ihr nicht aus. Zumal es bis dahin noch ein weiter Weg sei: „Da denke ich noch gar nicht dran.“ Für Billa kommt alles step by step.

Weht da eigentlich ein anderer Wind, beim DFB, im Gegensatz zum ÖFB? „Klar, die Liga ist stärker und besser besetzt, der Konkurrenzkampf ist härter.“ Ist das ein Thema, zuhause, in der WG, die sie sich mit den Team-Kolleginnen Luana Bühler und Katharina Naschenweng teilt? „Ja, das spielt natürlich eine Rolle, es bestimmt eben unseren Alltag“. Und den übrigen Tag bestimmt ihre Arbeit im örtlichen Kindergarten.

Billa hat Punch in der Faust, Präzision im Fuß – und ein großes Herz für Kinder. Parallel zu ihrer Fußballkarriere absolvierte sie eine Ausbildung zur Erzieherin. Letztes Jahr bestand sie die Abschlussprüfung, weswegen sie ihr Arbeitspensum inzwischen herunterschrauben konnte. Für ihre Leistungen auf dem Spielfeld ist das bestimmt nicht unerheblich. Immerhin bleibt ihr nun mehr Zeit fürs Training. Und für die Trainerausbildung, die sie begleitend zu ihrer Profilaufbahn absolviert. Ob das Traineramt vielleicht ein Karriereplan für die Zukunft sei, weiß Billa aber noch nicht. „Mit einem konkreten Ziel habe ich die Ausbildung nicht angetreten. Sie hat mich einfach interessiert. Und bereichert definitiv meinen Blick auf den Fußballsport. Den auf meine Arbeit im Kindergarten übrigens auch.“

Und wie ist das jetzt noch mal mit dem Kampfsport? Ist Fußball tatsächlich einer? „Ach, da kann sich jeder sein eigenes Urteil bilden. Aber ich sag´s mal so: Beim Kickboxen geht´s um Treffer, beim Fußball um Tore. Und auch, wenn Gegentore schmerzlich sind: Treffer tun mehr weh.“