History | ELFEN #1

Warum Siegen das Siegen verlernte

Verblühter Ruhm

ELFEN Magazin - ELFEN History - Verblühter RuhmFoto: Rainer Dahmen

Es ist gar nicht genug Platz, um all die Erinnerungsstücke an sechs Deutsche Meisterschaften und fünf DFB-Pokalsiege angemessen in Szene zu setzen. Die großen, grünen DFB-Wimpel mit dem aufwendigen Stick und der Jahreszahl zu den Titelgewinnen verdecken sich fast gegenseitig. Davor, leicht verstaubt, sind allerhand Pokale, Plaketten und Medaillen drapiert. Eine große Glasschrankwand am Kopfende des Saals im Clubhaus füllen die Devotionalien vergangener Tage komplett bis unter die Decke. Man ist stolz auf die Vergangenheit, in der die Frauen aus Siegens Vorort Trupbach eine ganze Ära prägten. Als ihr Turn- und Sportverein zwischen 1986 und 1996 reihenweise Titel abräumte und in die Geschichte einging. Heute gibt es im selben Verein kein einziges Mädchen- oder Frauenfußball-Team mehr. Wie konnte es nur soweit kommen? Eine Spurensuche.

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Gerd Neuser
Flora und Fußball prägten lange Zeit sein Leben. Heute sagt er, man müsse abschließen können – Nur noch Blumen schmücken sein Zuhause

Die Stadt ist geformt durch ihre Lage. Im Talkessel der Sieg im Dreiländereck von Nordrhein-Westfalen, Hessen und Rheinland-Pfalz liegt Siegen, fast schon idyllisch, eingebettet in eine wald- und hügelreiche Landschaft. Und wohl jeder der rund 100.000 Einwohner, der die erfolgreiche Ära des TSV Siegen ab Mitte der 1980er Jahre vor Ort wahrgenommen und miterlebt hat, dürfte den Namen eines Mannes kennen – denn der rasante Aufstieg und der turbulente Niedergang des Fußballvereins aus dem Siegerland sind mit ihm eng verbunden: Gerd Neuser.

Der ortsansässige Blumengroßhändler stieg 1978 bei den TSV-Frauen ein, obwohl er eigentlich eher dem Tennissport verbunden war. Er tat es seiner damaligen Ehefrau Rosemarie zuliebe, seinerzeit eine sehr talentierte Torhüterin zwischen den Pfosten des Siegener Frauenteams. Als Sponsor, Trainer, Manager, Pressesprecher und einfach „Mädchen für alles“ gab Neuser fortan 16 Jahre lang alles für den Verein – und trieb die Frauen von Erfolg zu Erfolg. Unter seiner Regie kombinierten und schossen sie sich an die Spitze des deutschen Frauenfußballs – und in die Herzen der Fans. Sie machten dem Schlachtruf „Siegen heißt gewinnen“ alle Ehre. Nach Neusers Rauswurf im Sommer 1994, über dessen Hintergründe bis heute nur wenig offen erzählt wird, ging es mit dem Frauenfußball in Siegen bergab.

Der Kaffee steht schon bereit; gerne hat Gerd Neuser, heute 74-jährig, zu sich privat eingeladen. Reden über alte Zeiten. Erfolgreiche Zeiten. Wenig überraschend: zahlreiche Blumen schmücken die Wohnung. Noch heute ist der ehemalige Meistermacher in seinem beruflichen Metier unterwegs, fährt selbst regelmäßig Blumenlieferungen zwischen Holland und Südwestfalen. Fotografien aber, Wimpel oder sonstigen Wandschmuck und Auszeichnungen aus seinem rastlosen Fußball-Wirken vermisst man gänzlich. „Man muss abschließen können“, sagt er, ohne dabei melancholisch oder gar verbittert zu klingen. Tolle Erinnerungen habe er, Andenken brauche er dafür nicht: „Wenn ein Kapitel geschlossen ist, dann ist das eben so.“ Hätte er gesammelt, besäße er heute gewiss wahre Schatztruhen.

Dem umtriebigen Unternehmer gelang es 1985, da war er schon sieben Jahre im Club aktiv, seine zwischenzeitlich zum damaligen Rekordmeister Bergisch-Gladbach gewechselte und zur Nationaltürhüterin aufgestiegene Frau Rosi zurück, sowie drei weitere Nationalspielerinnen nach Siegen zu locken: Petra Bartelmann, Andrea Haberlass und die spätere Bundestrainerinnen Silvia Neid. Mit Sissy Raith vom FSV Frankfurt verstärkte eine weitere Nationalspielerin den Kader. Neuser schaffte es, den jungen Frauen Jobs, Wohnungen und – kleine – Gehälter zu besorgen. Konkurrenz und Kritiker rümpften die Nase über die zusammengekaufte Truppe. Den Unkenrufen zum Trotz: Der Frauenfußball in Deutschland veränderte sich damit auf einen Schlag, Siegen wurde zum Erfolgsmodell.

Bis zu sechsmal in der Woche ist Training, am Wochenende wird gespielt

„Ich hatte nicht erwartet, dass wir so schnell so erfolgreich sind. Das hat mich wirklich überrascht“, erinnert sich Gerd Neuser heute. Es sei nach dem ersten Jahr ein Selbstläufer geworden, dass namhafte Spielerinnen nach Siegen wollten und sich Sponsoren engagierten. Die damaligen Stars wie Neid, später Martina Voss und Doris Fitschen, waren Ende der 1980er Jahre schon Leistungssportlerinnen. Sie trainierten bis zu sechs Einheiten in der Woche und standen am Wochenende für die Spiele auf dem Platz. Aber leben konnte kaum eine von dem Taschengeld, das ihnen der Verein zahlte. Den Rest regelte Neuser. „Da ich gute Kontakte zur Wirtschaft hatte, haben wir die Mädchen halt untergebracht, in zahlreichen Berufen, im kaufmännischen Bereich. Wenn ich mit Spielerinnen gesprochen habe, habe ich immer gefragt: Was möchtest Du machen?“, erzählt er.

Einige Spielerinnen vermittelte er an befreundete Firmen, Silvia Neid stellte er selbst ein. Tagsüber kutschierte Deutschlands beste Stürmerin mit Neusers Lkw holländische Rosen durchs Siegerland, abends stand sie auf demTrainingsplatz und folgte seinen Anweisungen. Nur zur ehemaligen Bundestrainerin hat Neuser bis heute Kontakt.
Lange Jahre nach dem Ausscheiden aus dem Fußball stand er lieber auf dem Golfplatz, Probleme mit Knie und Hüfte ermöglichen ihm das inzwischen leider auch nicht mehr. Die Erfolge, die Neuser Mitte der 80er Jahre auf den Weg gebracht und gestaltet hatte, sind auch rückblickend noch außergewöhnlich beeindruckend. Von 1986 bis 1996 holten die Frauen sechs Meistertitel ins Siegerland, fünf davon unter Erfolgstrainer Neuser. Neun Mal erreichten sie das DFB-Pokalfinale im Berliner Olympiastadion, fünf Mal verließen sie es mit dem Pott in der Hand. Zu den Heimspielen strömten seinerzeit bis zu 5000 Zuschauer, die erste Herrenmannschaft des TSV Siegen absolvierte ihre Spiele als Vorprogramm – dann wollten alle Siegen siegen sehen. Und die besten Spielerinnen des Landes wollten im blau-weißen Trikot auflaufen.

Mädchen für alles – Gerd Neuser ist Sponsor, Trainer, Manager und Pressesprecher in einer Person

„Das wäre heute alles gar nicht mehr möglich, wo Berater mitreden wollen und ganz andere Summen im Raum stehen. Wir hatten ja mal bis zu 15 Nationalspielerinnen in Siegen unter Vertrag“, sagt Neuser. Bereut hat der immer noch aktive Blumengroßhändler seinen jahrelangen Einsatz für den Frauenfußball auch trotz des unrühmlichen Endes nie: „Es war einfach eine tolle Zeit, die ich nicht missen möchte. Heute dankt es einem zwar keiner mehr, aber die Erinnerungen an die schöne und erfolgreiche Zeit sind einfach immer noch unbezahlbar.“

Ähnlich umtriebig wie Neuser, und sogar noch viel länger – und auch heute noch – im Siegener Frauenfußball aktiv ist die ehemalige Spielerin, heutige Abteilungsleiterin und Schiedsrichterin Gudrun Winkler. Die einstige Verteidigerin, die auf den Fußballplätzen in und um Siegen nur „Emmi“ gerufen wird, hatte schon für den Vorgänger-Verein SSC (Siegener SC) und ab 1974 auch für den TSV ihre Stiefel geschnürt. Auf und neben dem Platz erlebte sie alle Höhen und Tiefen des Siegener Fußballwunders. Sie erinnert sich auch heute noch gern an die glanzvollen Zeiten: „Es war eine sehr schöne Zeit für die Stadt, den Verein und den Frauenfußball. Ohne Gerd Neuser wäre es sicher nicht

1986
Der erste Titel-Streich: DFB-Pokalsieg in Berlin. 2:0 gegen Bergisch Gladbach. In der Mitte Rosemarie Neuser (mit Trophäne) neben Ehemann und Trainier Gerd

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1987
Meisterin Neuser – Mit dem damaligen Pokal zur deutschen Meisterschaft …

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… da knallen die Korken

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1987
Double Perfekt mit dem erneuten Pokaltriumph im Berliner Olympiastadion

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1988
Sylvia Neid obenauf – Dritter Pokalsieg in Folge

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1989
Die späteren Bundestrainierinnen Neid und Voss – Kein Grund zur Skepsis: Erneuter Pokalsieg gegen FSV Frankfurt (5:1)

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1991
Die neue Bundesliga hat ihre ersten Meisterinnen!

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1992
Titelverteidigerinnen. Der TSV Siegen domminiert die jungs Liga

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1996
Die letzte Meisterschaft – Das Aufstehen danach gelang nicht mehr

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„Ganz Siegen auf den Beinen um uns zu feiern“
Gudrun Winkler

Heute – inzwischen 66-jährig – pfeift „Emmi“ Winkler als Schiedsrichterin für die Sportfreunde Siegen. Sie sagt: „Die Stadt Siegen und der Frauenfußball haben Gerd Neuser viel zu verdanken. Ich persönlich bin ihm aber immer noch ein bisschen böse. Er hat mich im DFB-Pokalfinale 1986 bei unserem ersten großen Erfolg nicht, wie versprochen, eingewechselt. Fünf Minuten vor Schluss haben wir 2:0 geführt. Die paar Minuten Ruhm vor 40.000 Zuschauern hätte ich gern gehabt. Aber er ließ mich nicht aufs Feld, weil ich keine Stollen-, sondern nur Noppenschuhe anhatte.“ Eines zeigt diese Szene in jedem Fall: Wie akribisch und ehrgeizig Neuser damals gearbeitet und sein Team eingestellt hat.

Gudrun Winkler bekommt jedenfalls heute noch Gänsehaut, wenn sie an den ersten Pokalsieg von 1986 denkt. Es sei rückblickend der schönste Moment ihrer Karriere gewesen, trotz ihrer Nichteinwechslung: „Wir sind damals als Außenseiterinnen gegen Bergisch Gladbach nach Berlin gefahren, unser 2:0-Sieg war eine echte Überraschung. Als wir mit dem Pokal heimkamen, war ganz Siegen auf den Beinen, um uns zu feiern. Wir wurden mit Kutschen im Nachbarort Seelbach abgeholt, es gab einen riesigen Umzug von Seelbach nach Trupbach für uns“, sagt sie und ist immer noch gerührt.

Viele weitere dieser Triumphzüge folgen. Bis es nach der fünften Meisterschaft im Sommer 1994 zum Bruch zwischen Gerd Neuser und der Vereinsführung um Präsident Klaus-Dieter Wern kommt. Was genau damals vorgefallen ist, möchte auch 25 Jahre danach keiner der Beteiligten sagen. Nur so viel ist bekannt: Im Rahmen einer Steuerprüfung sollen Belege für Ausgaben gefehlt haben, die Gerd Neuser nicht hat beibringen können. Wern setzt Neuser im Streit vor die Tür. Der Anfang vom Ende. Das sportliche Werk des Blumenhändlers sollte schnell verwelken.

„Als er dann plötzlich nicht mehr da war, wollten wir Spielerinnen alle weg“
Gudrun Winkler

„Das war wie ein Einschnitt für den ganzen Frauenfußball in Siegen“, sagt Gudrun Winkler ein wenig wehmütig. Von einem Tag auf den anderen war mit Neuser der Mann fort, der sich Jahre lang um alles gekümmert und den Erfolg gebracht hatte. Viele Spielerinnen wollten es ihm gleichtun, aus Solidarität und weil er einfach an allen Ecken und Enden fehlte. Sie konnten aber so schnell nicht aus ihren Verträgen raus, für einige Nationalspielerinnen hätte die Vereinslosigkeit zudem das Aus in der DFB-Elf bedeutet. Es kam sogar zu Verhandlungen vor dem Arbeitsgericht.

Der TSV Siegen holte 1996 unter seinem neuen Trainer Dieter Richard noch einmal den Deutschen Meistertitel, den letzten. Danach schlossen sich das Team und Trainer Richard auf Vermittlung Winklers den benachbarten Sportfreunden Siegen an – mit ihnen die komplette Frauen-Abteilung, das Kapitel Frauenfußball im TSV Siegen wurde damit bis heute beendet. Im gleichen Jahr beendete Silvia Neid ihre Karriere, nach elf Jahren in Siegen. Die Sportfreundinnen hielten sich schließlich noch vier Jahre in der seit 1997 eingleisigen Bundesliga. Im Jahr 2000 erreichten sie sogar noch ein letztes Mal das Pokalfinale in Berlin, das 1:2 gegen den 1. FFC Frankfurt verloren ging.

Gudrun Winkler
Erinnerungen an die schönste Zeit des Siegener Frauenfussballs – Im Vereinsheim des TSV füllen Wimpel und Pokale die Regale

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Zu dieser Zeit verirrten sich aber schon nur noch 100 Zuschauer im Schnitt zu den Heimspielen, der Hauptsponsor beendete nach der Saison 2000/2001 sein Engagement, woraufhin die Sportfreundinnen keine Bundesligalizenz mehr beantragten. „Es kam zu einem richtigen Ausverkauf, unsere Frauen wurden regelrecht vom Spielfeld weg gekauft und verabschiedeten sich“, sagt Gudrun Winkler.

Seitdem pendeln die Frauen der Sportfreunde zwischen der drittklassigen Regionalliga und der Westfalenliga eine Etage tiefer. Betreut werden sie immer noch von der unermüdlichen Emmi Winkler. Erinnert wird sie mindestens einmal im Monat an ihre schönste Zeit und die des Siegener Frauenfußballs. Nämlich dann, wenn sie zu Verbands-Lehrgängen für Schiedsrichter ins Vereinsheim des TSV Siegen geht. Dort künden die Wimpel und Pokale im Regal bis heute vom Erfolg der Siegener Fußballfrauen – und von ihrem Ruhm, der so schnell verblüht ist.

Trophäen Titel
Deutscher Meister 1987, 1990, 1991, 1992, 1994, 1996

DFB-Pokalsieger 1986, 1987, 1988, 1989, 1993

Stadion & Stätten

Der TSV Siegen hat seine Wurzeln im Ortsteil Trupbach, in dem auch heute noch das Vereinsheim nebst Fußballarena mit Laufbahn und Tennisplätzen stehen.

Das Siegener Leimbachstadion, Heimstätte der Sportfreunde Siegen, wurde in der Glanzzeit zum Ort der Triumphe. Hier feierte man allein vier Meistertitel. 18.000 Zuschauern bietet das Stadion noch heute Platz.

Region & Lage

Das Siegerland ist ein Landschaftsteil der Region Südwestfalen. Die nächsten größeren Städte in der Umgebung von Siegen sind (Luftlinie) im Norden Hagen (65 km), im Südosten Frankfurt am Main (95 km) und im Westen Köln (75 km).