History | ELFEN #3

Pfarrerstöchter, Pannen und Pokalsiege

Versunkene Vereine Vol. 3

Die Geschichte des Brauweiler Frauenfußballklubs

Ein Blick ins Weltmeisterjahr: 1974 gewinnt die Frauenauswahl einer von dem Sportstudenten Thomas Meyer trainierten Fußballmannschaft ein Turnier um den Kreispokal. Der Knüller für die Siegerfrauen: Sie erhalten daraufhin die Möglichkeit, am offiziellen Ligabetrieb teilzunehmen. Das war die Geburtsstunde des SV Grün-Weiß Brauweiler. Die einstige Mittelfeldspielerin Tina Theune erinnert sich an die skurrilen Anfänge: „Wir wurden gefragt, in welcher Liga wir denn spielen wollten. Unsere Antwort: natürlich in der höchsten. Damals war das die Verbandsliga Mittelrhein.“

Der Turniererfolg fußte auf zwei Tugenden: Wissen und Glaube. Für erstere hält die benachbarte Sporthochschule Köln her, in deren Umfeld sich die Fußballtruppe formierte. „Ab 1971 trafen wir uns regelmäßig zum Spielen. Männer und Frauen, hauptsächlich Studenten, darunter auch viele Handballer. Wir haben eine Stunde in der Halle fürs Training zugeteilt bekommen und immer wieder Turniere besucht, die wir stets gewannen“, erzählt Thomas Meyer noch heute mit leuchtenden Augen.

Hinter dem Glauben, der zweiten Tugend, steht das Kevelaerer Pfarrhaus. Denn alsbald gesellten sich drei der fünf Pfarrerstöchter zu der Truppe: Sportstudentin Tina Theune und ihre Schwestern. Früher spielten sie mit den Jungs aus der Straße, in ihrem selbstgegründeten Verein FC Antonius. „Die klingelten immer bei uns am Pfarrhaus“, sagt Theune. „Bestimmt, weil wir eben Mädels waren. Aber wir waren auch wirklich gut.“

Schief angesehen wurde die Frauenmannschaft nicht. „In Brauweiler war Frauenfußball kein Problem. Das war schon erstaunlich. Denn andernorts sah das oft anders aus“, betont Meyer. Aufgeschlossen waren auch die Eltern der Theune-Schwestern. „Ihr habt ja schließlich auch zwei Beine“, resümierte ihr Vater. „Und unsere Mutter hat sich wohl an meine Urgroßmutter erinnert, die bereits Fahrrad gefahren ist, als das für Frauen noch verboten war“, ergänzt Theune.

Und so behauptete sich der frisch gegründete SV in der höchsten Spielklasse – angeführt von Theune und Meyer, die auch privat ein Paar wurden und Ende der Siebziger heirateten. Zwar verzeichnete er in den Achtzigern zwei Abstiege, schaffte aber jeweils sofort den Wiederaufstieg. Anno 1987 verselbständigte sich die Frauenabteilung, ab 1989 holte sie dreimal in Folge den Mittelrheinpokal. Der Team-Spirit hinter diesen Erfolgen wurde durch Meyers Gespür für junge Talente gesichert. Er schaute sich in der Region nach guten Nachwuchsspielerinnen um – und überzeugte sie stets mit Leidenschaft und Engagement. Denn: „Geld gab es keines, wohl aber einen Pott für die Unkosten, getragen von Unterstützergruppen und dem eigenen Förderverein“, sagt Meyer.

Der Coach bot sogar einen Fahrdienst zu den Trainings, den Spielen und nach Hause an. Für die jungen Spielerinnen war das bedeutsam, zum Beispiel für Bettina Wiegmann. Sie wurde von Theune entdeckt, kam 1988 zu den Grün-Weißen. Mit 16 Jahren. „Ich hatte natürlich noch keinen Führerschein, weswegen Thomas´ Fahrdienst für mich besonders attraktiv war.“ Auch das familiäre Umfeld überzeugte. „Der Verein wurde schnell zu meiner zweiten Heimat. Sportliche Erfolge wurden da wie Familienfeste gefeiert.“ Und zu feiern gab es bald viel.

Zwar verpasste Brauweiler die Qualifikation für die 1990 eingeführte Bundesliga, holte den Einzug aber direkt im Anschluss nach – und gewann, als bisher einziger Zweitligist der DFB-Geschichte, den DFB-Pokal. Gegen Siegen, den amtierenden Meister. „Das war schon toll“, erinnert sich Wiegmann. „In Siegen waren viele Nationalspieler, wir waren da ein bisschen wie ein Kindergarten.“

Gleich in der nächsten Saison stellte Brauweiler den Rekord für den besten Aufsteiger aller Zeiten auf. Die Mannschaft stürmte direkt ins Finale der damals noch in die Gruppen Nord und Süd aufgeteilten Liga. Sie traf dort wieder auf Siegen, musste sich diesmal allerdings mit 2:0 geschlagen geben. 1993 erreichten die Grün-Weißen den zweiten Tabellenplatz. Im Pokalfinale scheiterten sie am Erstplatzierten – an Siegen, im Elfmeterschießen.

Während sich Siegen zunehmend als Erzrivale entpuppte, geisterten Professionalisierungspläne durchs Vereinsheim. „Das war eben der Lauf der Dinge, aber mir passte das nicht mehr“, sagt Thomas Meyer. Er verließ den Verein – nach fast 20 Jahren als Trainer. Das Amt übernahm Friedhelm Fröhlich. Er führte den SV erneut ins Finale, unterlag dort jedoch wieder den Siegenern. Dafür ging der Supercup nach Brauweiler, ebenso der DFB-Pokal – durch ein 2:1 gegen Siegen.

1994 wurde erstmals der DFB-Hallenpokal der Frauen ausgetragen. Er wurde von Brauweiler entschieden, ebenfalls gegen Siegen. 1995 stand der Verein wieder im Meisterschaftsfinale, unterlag diesmal aber dem FSV Frankfurt. 1996 wurde Dr. Hans-Jürgen Tritschok als neuer Trainer eingesetzt – und ein Jahr später brach Brauweiler den Bann des „Ewigen Zweiten“: Erstmals holten der SV die Meisterschaft heim. Im Elfmeterschießen kickte er den FC Rumeln-Kaldenhausen aus dem Finale. Den DFB-Pokal und den zweiten Supercup gab´s obenauf.

Weitere Erfolge blieben dann allerdings aus. Die Frauenmannschaft wurde stark verjüngt, geriet zunehmend in Abstiegsgefahr – und firmierte pünktlich zur Jahrtausendwende als FFC Brauweiler Pulheim. „Die fetten Jahre waren da vorbei“, sagt Monika Beckmann. Sie war gerade frisch als Jugendleiterin eingesetzt, wurde buchstäblich vom Spielfeldrand verpflichtet. „Ich habe meine Tochter beim Spielen angefeuert – und war dabei wohl derart Feuer und Flamme, dass mir direkt ein Job angeboten wurde.“ Zwar erlebte der Verein noch ein kurzes Zwischenhoch. Aus seiner Talfahrt konnte er sich aber nicht retten, auch nicht mit der Rückkehr von Fröhlich auf die Trainerbank: 2004 stieg Brauweiler ab. Kam wieder hoch. Und stieg 2007 erneut ab. Ohne einen einzigen Punkt.

Außerdem musste der Verein, den sie als Doppelspitze einst bis ganz nach oben führten, in die Insolvenz. Als Tabellenletzter wurde er in die Regionalliga durchgereicht. Beckmann, die inzwischen Geschäftsführerin war, haftete mit ihrem Privatvermögen. „Mein Mann hätte mir fast den Kopf abgerissen“, erzählt sie heute lachend. Sie verdingt sich inzwischen im Funktionsteam des 1. FC Köln, wo der FFC 2009 als Frauenfußballabteilung aufging. Theune und Wiegmann setzten ihre Karrieren beim DFB fort. Bettina Wiegmann arbeitet als Verbandstrainerin, war Co-Trainerin der U-20- und U-19-Nationalspielerinnen und ist aktuell Trainerin der U-15-Auswahl. Tina Theune, die als erste Frau in Deutschland eine Trainerlizenz erwarb und als erste und zweite Nationaltrainerin sechs EMs und eine WM gewann, ist inzwischen im Ruhestand. 2006 wurde sie vom Deutschen Staatsbürgerinnen-Verband zur Frau des Jahres gekürt.

Der SV Grün-Weiß Brauweiler selbst existiert bis heute. Seine Frauenabteilung spielt in der Verbandsliga.