Liga | ELFEN #1

Wer gehört zu wem?

Erstklassige Geschwister

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Die acht jungen Menschen auf den Fotos dieser Doppelseite sind etwas ganz Besonderes. Es sind vier Geschwister-Paare – vier kleine Schwestern und vier große Brüder – die alle Fußball spielen. Und das nicht irgendwo, sondern in den beiden Bundesligen für Frauen und Männer: Anna und Yannick Gerhardt (Turbine Potsdam/VfL Wolfsburg), Lisa und Lukas Klostermann (SGS Essen/RB Leipzig ), Karoline und Dominik Kohr (1. FC Köln/Eintracht Frankfurt) sowie Melissa und Marvin Friedrich (Bayer 04 Leverkusen/Union Berlin) sind erstklassige Geschwister – im wahrsten Sinne. Raten Sie mal, wer hier zu wem gehört!

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Karoline & Dominik Kohr
Eine schrecklich nette Bundesliga-Familie

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Bei Familie Kohr aus Trier haben Opa Siegfried und Papa Harald ihr Talent als begnadete Fußballer an die nächste Generation weitergegeben. Tochter Karoline (23) geht schon seit 2016 im Trikot des 1. FC Köln auf Torejagd, Sohn Dominik (25) räumt seit Beginn der laufenden Saison im Mittelfeld der Frankfurter Eintracht ab – nach zuvor fast 150 Bundesligaspielen (vier Tore) für Bayer 04 Leverkusen und den FC Augsburg.

Die aktuelle Generation macht dem Namen Kohr in beiden Bundesligen alle Ehre. Kein Wunder bei dem Vorbild: Papa Harald hatte Ende der 80er Jahre 86-mal für den 1. FC Kaiserslautern im deutschen Oberhaus gespielt und dabei 45 Buden gemacht. Weitere Profi-Stationen waren der VfB Stuttgart, Grashoppers Zürich und die SG Wattenscheid 09. Söhnchen Dominik eiferte dem Vater schon mit zwei Jahren nach und wackelte – damals noch Windeln tragend – dem Ball hinterher. Als Schwester Karoline soweit war, wollte sie ihrem großen Bruder in nichts nachstehen und fing ebenfalls das Fußballspielen an. Da war sie drei Jahre jung.

Gemeinsam sahen sie sich als Kinder immer wieder die Spiele von Papa Harald auf DVD an – und stellten die besten Szenen und seine Tore auf der Wiese hinterm Haus nach. Da
ging dann auch schon mal ein Schuss daneben. Noch heute ist Karoline sauer auf Dominik, dass er sie „…immer die verschossenen Bälle zum Nachbarn zurückholen ließ“. An ein als Familie gewonnenes Fußballturnier in Luxemburg erinnert sie sich am liebsten: „Wir waren noch kleine Kinder und haben es zusammen mit Papa und ein paar Freunden trotzdem gewonnen. Wir waren super stolz und glücklich“, berichtet sie. Bruder Dominik denkt außerdem gern an die Zeit in der Kindheit zurück, als sie am Wochenende bei Oma und Opa schliefen und sonntags alle zusammen auf den Fußballplatz gingen.

„Ich würde mir wünschen, dass karo ihre Ausdauer auf dem Platz mal verbessert. Und netter könnte sie mir auh sein ….“

Das väterliche Fußball-Vorbild interpretieren übrigens beide höchst unterschiedlich. Karoline, die als Junior Art Director einer Kölner Werbeagentur optisch ansprechende Layouts entwirft, bevorzugt auch auf dem Platz das schöne Spiel: viel Ballgefühl, kurze Pässe, schnelle Abschlüsse – und Tore, Tore, Tore! Dominik geht da als robuster Balleroberer deutlich körperbetonter zur Sache. Er ist ein Kilometerfresser und grätschte sich mit knapp 50 gelben Karten in 150 Bundesligaspielen zum Spitznamen „Hard Kohr“. Karoline wünscht sich auch deshalb, „… dass Domi mal weniger Gelbe kassiert!“ Worauf er sie ebenfalls verwarnt: „Ich würde mir wünschen, dass Karo ihre Ausdauer auf dem Platz mal verbessert. Und netter könnte sie zu mir auch sein …“

Die gegenseitigen Sticheleien dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Geschwister sich sehr schätzen und vertrauen. Dominik ist auch der neben den Eltern größte Fan seiner kleinen Schwester: „Ich habe schon mindestens zehn ihrer Spiele besucht und Karo zugeschaut. Was sie und die anderen Spielerinnen auf Bundesliga-Niveau leisten, verdient höchsten Respekt. Vielleicht ist das Tempo mit dem Männerfußball nicht ganz vergleichbar, aber ich persönlich schaue gern Frauenfußball, es gibt sehr gute Technik zu sehen“, sagt er.

Das im sportlichen Bereich höchste der Gefühle wäre natürlich für beide Kohr-Kinder ein Anruf von Bundestrainerin oder Bundestrainer. Der Familiensegen könnte zwar leiden – Dominik: „Wenn Karo vor mir berufen wird, werde ich ihr das niemals verzeihen“ – aber ganz sicher hätten sie dann ihrem Vater etwas voraus. Stürmerstar Harald Kohr hatte schon ans Tor der Nationalelf geklopft, als ihn 1989 eine schwere Knieverletzung zurückwarf – und 1991 zum Karriereende zwang.

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Anna & Yannick Gerhardt
Zwei wie Pech und Schwefel

Nicht einmal 200 Kilometer liegen zwischen Wolfsburg und Potsdam. So dicht beieinander haben Anna und Yannick Gerhardt seit 2016 nicht mehr gelebt. Schon als Kinder trugen beide das Trikot des 1. FC Köln, bevor es Anna mit 18 Jahren zum FC Bayern München und den vier Jahre älteren Yannick zum VfL Wolfsburg zog. Für beide Fußball-Profis ein riesiger Schritt: Plötzlich lagen 600 km zwischen den beiden, die wie Pech und Schwefel zusammenhalten. In der Zeit telefonierten und schrieben sie fast täglich. Seit Anna 2019 zu Turbine Potsdam wechselte, sehen sie sich wieder öfter – in Berlin, Potsdam und Wolfsburg oder daheim in Kreuzau bei Köln…

Die aus einer fußballverrückten Familie stammenden Gerhardts wurden in ihren Clubs früh zu Bundesliga- Stammkräften, durchliefen verschiedene Nachwuchs-Nationalteams. Yannick klopfte sogar an die Tür zur A-Nationalmannschaft und feierte 2016 unter Trainer Joachim Löw sein Länderspieldebüt gegen Italien (0:0). Im Jahr darauf gewann er in Polen die U21-EM.

Wer heute mit Anna und Yannick spricht, möchte danach am liebsten die Eltern anrufen und ihnen gratulieren. Zu gleich zwei so talentierten Kindern, die so bescheiden und bodenständig geblieben sind und sehr respektvoll und liebevoll miteinander umgehen: Konkurrenzdenken, Neid? Fehlanzeige! Bei den Gerhardts zählt das „Wir“: Sie drücken sich gegenseitig die Daumen und feuern einander an. „Unser Elternhaus hat uns ganz sicher geprägt“, sagt Yannick. „Mama und Papa haben uns ganz früh beigebracht, dass wir uns nicht über unsere Rollen als Fußballer identifizieren sollen. Ihnen war wichtig, dass wir gute Menschen und als Vorbilder bodenständig bleiben. Darum bin ich auch unglaublich stolz auf meine Schwester. Anna ist noch so jung und schon so selbständig und zielstrebig. Sie ist ein wunderbarer Mensch und eine tolle Schwester.“

Auch Anna sagt nur Gutes über ihren Bruder: „Ich bewundere seinen Ehrgeiz und seine Bodenständigkeit, er ist ein echtes Vorbild für mich. Yannick ist vier Jahre älter als ich, er gibt mir immer richtig gute Tipps und Feedback nach meinen Spielen. Er riet mir auch zum Wechsel nach Potsdam. Und das sicher nicht nur, weil wir dann wieder näher beieinander sind“, sagt sie lachend. Überhaupt habe sie ja nur seinetwegen mit dem Fußball angefangen. „Als er beim SC Kreuzau und 1. FC Köln spielte, war ich immer mit dabei, habe ihn beobachtet und angefeuert“, erinnert sich Anna. Nach drei Jahren beim Heimatclub Kreuzau wechselt auch sie 2009 zum 1. FC Köln, dem sie sieben Jahre treu bleibt. Dann die Bayern, nun Turbine Potsdam.

Yannick Gerhardt verfolgt ihre Karriere genau. Er betont, dass er sich nicht nur wegen Anna für Frauenfußball interessiert: „Unsere VfL-Frauen sind als Meister und Pokalsieger ein
Aushängeschild für den ganzen Verein, ihre Erfolge sind auch bei uns in der Kabine ein Thema. Manchmal schauen wir Männer uns auch gemeinsam ein Frauen-Spiel an.“ Aber er hat auch ein Luxusproblem: Wem drückt er die Daumen, wenn „seine“ VfL-Frauen gegen seine Schwester spielen? „Da sitze ich zwischen den Stühlen. Als Anna noch bei den Bayern spielte, war ich immer für Wolfsburg, da beide Teams um die Meisterschaft konkurrieren. Turbine ist eher der Underdog, dem ich eine Überraschung gönne“, sagt Yannick augenzwinkernd.

Gegen Ende der Karriere, können sich die Gerhardts übrigens eine Rückkehr zum Effzeh vorstellen. Dann würden auch endlich keine Kilometer mehr zwischen ihnen liegen …

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Melissa & Marvin Friedrich
Nur die harten spielen im Garten …

Kein Wunder dass Melissa und Marvin Friedrich aus dem hessischen Kassel beinharte Verteidiger bei den Bundesligisten Bayer 04 Leverkusen (Melissa) und 1. FC Union Berlin (Marvin) geworden sind. Schließlich haben sie schon als Kinder bei Wind und Wetter im Garten ihrer Eltern gekickt. Selbst Eis und Schnee hielten sie als Kinder nicht davon ab, gemeinsam mit Bruder Steffen und Schwester Carolin zwei gegen zwei zu spielen.

Schon mit vier Jahren hielt Melissa dagegen, wenn die älteren Brüder und deren Freunde sie herausforderten. „Ich kann mich an keinen Tag in unserer Kindheit erinnern, an dem wir nicht zusammen gespielt haben. Fast immer Fußball, manchmal auch eine andere Ballsportart, aber zu 90 Prozent Fußball. Ich finde toll, dass ich immer mit den Jungs mitspielen durfte. Eine Sporthalle brauchten wir auch nicht, wir haben auch bei Schnee und Eis draußen oder im Festsaal der Gaststätte unserer Eltern gespielt.“

Überhaupt die Eltern. Sie hätten ihren Kindern das Fußballspielen erst ermöglicht, sagen Melissa und Marvin wie aus einem Mund. Da waren nicht nur der Rasen hinterm Haus und die Gaststätte: „Sie haben uns zu jedem Training und zu Spielen gefahren, egal wie weit“, erinnert sich Marvin. Und für Melissa steht fest: „Wir haben wirklich verrückte Eltern, die uns auch heute noch unterstützen und regelmäßig unsere Spiele besuchen.“

Für Melissa, die neben dem Fußball bei Bayer als Bürokauffrau tätig ist, ist der große Bruder auch heute noch ein wichtiges Vorbild: „Marvin ist früh von Zuhause weggegangen und war auf sich allein gestellt. Er hat nie aufgegeben, auch wenn es mal nicht lief. Was das bedeutet habe ich erst begriffen als ich aufs Internat nach Frankfurt ging.“

Beide verbindet auch die schönste gemeinsame Erinnerung, ein gewonnenes Fußballturnier. Marvin spricht übrigens mit höchstem Respekt über Frauenfußball, auch wenn es kein großes Thema in der Union-Kabine sei: „Ich finde großartig, was die Fußballerinnen auf den Platz bringen, da schließe ich Melissa mit ein. Aber es ist schon schade, dass die Frauen so wenig Respekt und Anerkennung bekommen.“

Nach Siegen gibt es bei den Geschwistern einen Glückwunsch und nach Niederlagen eine aufmunternde Nachricht per WhatsApp: „Wir machen um Niederlagen kein großes Gewese. Jeder von uns weiß, wie blöd sich das anfühlt, da lassen wir einander lieber in Ruhe“, sagt Melissa. Unbeschreiblich groß hingegen war der Jubel, als Marvin die Berliner in der Relegation zum Aufstieg köpfte.

Fünf- bis sechsmal pro Jahr sehen sich die Geschwister zu Geburtstagen, an Weihnachten oder bei Spielen. Wenn Marvin mit Union in Köln, Leverkusen oder Düsseldorf antritt, sitzt Melissa mit ihren Eltern auf der Tribüne. Umgekehrt hat es Marvin noch nicht geschafft, Melissa in der Bundesliga auf dem Platz zu erleben. Aber das hält Melissa ihrem Bruder gar nicht vor. Er könne sich aber ruhig öfter mal bei ihr melden, sagt sie. Marvin aber verrät, was er seiner kleinen Schwester nie verzeihen kann: „Dass sie mit sechs Jahren Bayern-Fan geworden ist. Das liegt mir bis heute schwer im Magen …“, sagt er und grinst.

Treffpunkt Stadion
Seltenes Geschwister-Treffen nur bei Spielbesuchen – Melissa „Outet“ sich im Uniontrikot als Marvin-Fan

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Lisa & Lukas Klostermann
Der Große Bruder als Talentspäher

Vermutlich hat Nationalspieler Lukas Klostermann schon als Kind gewusst, was für eine Titanin in seiner kleinen Schwester steckt. Mit sanftem Druck beförderte er sie zur Torhüterin: Die drei Jahre jüngere Lisa durfte nur dann mit Lukas und seinen besten Freunden bolzen, wenn sie sich ins Tor stellte. Kinder können ja so gemein sein! Jahre später entpuppte sich die „Zwangsverpflichtung“ zur Torhüterin als ihr größtes Glück: Inzwischen steht Lisa Klostermann beim Bundesligisten SGS Essen zwischen den Pfosten und durchlief mehrere Junioren Nationalteams. Derzeit hat sie ein Kreuzbandriss außer Gefecht gesetzt!

„Damals war ich deshalb ganz oft sauer auf Lukas. Heute kann ich mir nichts Schöneres vorstellen als zwischen den Pfosten zu stehen und meinen Kasten sauber zu halten“, sagt die 20-Jährige. Überhaupt erinnern sich die Geschwister aus Gevelsberg bei Wuppertal an eine glückliche gemeinsame Kindheit mit Fußball, Fußball und … Leichtathletik! Denn bevor sie beim FSV Gevelsberg im Fußball durchstarteten, hatten ihre Eltern sie im Leichtathletik-Verein LG Ennepe Süd angemeldet. Lukas war sogar einer der besten Sprinter seiner Altersklasse. Beim Berliner Leichtathletik-Meeting ISTAF hält er immer noch den Rekord der Altersklasse M12 über 50 Meter: 6,73 Sekunden! Aber irgendwann zog es die sportlichen Geschwister ganz zum Fußball.

„Ich war damals fünf Jahre alt und Lukas war mein großes Vorbild. Dass ich dabei sein durfte und er mich nicht ausschloss, rechne ich ihm hoch an. Er war ganz sicher der Schlüssel zu meiner Karriere als Fußballerin“, sagt Lisa. Auch heute noch ist der Bruder ihr Vorbild. Lukas holte 2016 mit der DFB-Auswahl in Rio de Janeiro die olympische Silbermedaille, entwickelte sich bei Champions League-Starter RB Leipzig zur Stammkraft auf der rechten Abwehrseite und spielte sich ins Nationalteam. „Es ist definitiv mein Traum, in Lukas’ Fußstapfen zu treten und auch Nationalspielerin zu werden“, so Lisa. Der große Bruder, der sie einst für die Position entdeckte, traut es ihr auf jeden Fall zu „Lisa gibt nie auf und kämpft für ihre Ziele und das, was ihr Freude macht“, sagt Lukas.

„Ich war damals fünf Jahre alt und Lukas war mein großes Vorbild. Dass ich dabei sein durfte und er mich nicht auschloss, rechnete ich ihm hoch an. Er war ganz sicher der Schlüssel zu meiner Karriere als Fußballerin“

Aktuell sehen sich die Geschwister nach eigenen Aussagen viel zu selten, nur ein paar Mal im Jahr: zu den Geburtstagen, an Weihnachten und bei Spieltagen. Aber sollte Bundestrainer Joachim Löw Lukas mit zur Fußball-EM 2020 nehmen, werden Lisa und ihre Eltern Ulrike und Andree auch dabei sein. Als Fans. „Unsere Eltern haben uns immer unterstützt, uns jahrelang zum Training gefahren und unsere Spiele besucht. Dafür sind wir ihnen unendlich dankbar“, sagt Lisa. Da sei es auch schon mal vorgekommen, dass die Eltern sich um 14 Uhr ein Heimspiel von Lisa in Essen anschauten, um dann schnellstmöglich nach Gelsenkirchen zu fahren, wo Lukas mit Leipzig auf Schalke gastierte. Anpfiff: um 15.30 Uhr! „Da haben sie einen familiären Rekord gebrochen“, ist sich Lisa sicher.

Noch heute ziehen sie einander mit ihren vermeintlichen Schwächen auf. So wünscht sich Nationalspieler Lukas, dass seine Schwester ruhig öfter mal einen seiner Schüsse halten könne. Und weil er an ihr überhaupt nicht leiden kann, dass sie immer das letzte Wort haben will, soll sie es auch hier bekommen: „Lukas könnte ruhig öfter mal das Tor treffen“, kritisiert Lisa, und fügt mit einem Augenzwinkern den Hashtag hinzu: „#blindesHuhn.“ Ein schönes letztes Wort.