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Wer ist diese Frau?

Mayam Majd
32 Jahre alt, lebt in Teheran, hat studiert und ihren Bachelor in Fotografie gemacht

ELFEN Magazin - ELFEN Welt - Wer ist diese Frau?Foto: Maryam Majd
„Wir haben uns immer versammelt um Fußballspiele zu sehen. Ich hatte ein Notizbuch mit Autogrammen von Fußballspielern und sammelte ihre Fotos. Zu dieser Zeit veröffentlichten die Zeitungen nur Männer in Sportfotos“

Die Geschichte der iranischen Fotografin und Aktivistin Maryam Majd verbreitet Mut und Hoffnung, erzählt aber auch von Repressionen und Gefahren. So eng verknüpft, wie ihre Bilder ein Gefühl von Befreiung und Bedrückung zugleich vermitteln.

Die mutige Sportfotografin Maryam Majd ist eine der wichtigsten F rauen im Iran, die sich für Gleichberechtigung einsetzen und dafür sogar ins Gefängnis gehen

Die Frauen-WM 2019 hatte schon viele stimmungsvolle Spiele und Spielorte erlebt, als sich Anfang Juli die besten vier Teams in Lyon trafen. Die drittgrößte Stadt Frankreichs hatte den Zuschlag für beide Halbfinals und das Finale bekommen, und alle schienen sich vorgenommen zu haben, den Turnierslogan „dare to shine“ (Zeit zu glänzen) mit Leben zu füllen. Früh am Morgen schickte die Sonne ihre ersten Strahlen auf die malerischen Dächer der Altstadt, die vom Hügel Fourviére besonders eindrucksvoll erscheinen.

Der Abend schließlich übertraf jedoch atmosphärisch noch die kühnsten Erwartungen. Mehr als 50.000 Menschen verfolgten im großen Stadion in der Gemeinde Décines-Charpieu staunend das WM-Halbfinale zwischen England und USA. Die späteren Weltmeisterinnen USA sollten 2:1 gewinnen, aber Siegerinnen erschienen im Lichte alle Beteiligten an dieser
Begegnung: Ein solch rasantes, intensives, spannendes Duell hatte es im Frauenfußball selten gegeben.

An diesem 2. Juli war auch Maryam Majd vor Ort. Als einzige Fotografin aus dem Iran. Wenn die 32-Jährige ihre Gefühle beschreiben soll, überkommt sie noch heute Gänsehaut: „Als ich im Stadion ankam, zitterte mein ganzer Körper, und ich konnte nicht aufhören zu weinen. Die Leute um mich herum dachten wahrscheinlich, dass die Mannschaft, die ich unterstütze, das Spiel verloren hatte, aber niemand konnte sich vorstellen, was mir durch meinen Kopf ging. Ich sah um mich, ich war bewegt von dem Beifall, den die Zuschauer den Teams spendeten, und ich wünschte, dass meinem Land dasselbe passieren könnte. Die Frauen-Weltmeisterschaft war für mich nicht nur ein Turnier. Es war ein großer Teil meines Lebens, den ich wieder erleben möchte.“ Impressionen, Eindrücke und Erfahrungen, die für Peinigungen, Entbehrungen und Entwürdigungen in ihrem bewegenden Lebenslauf entschädigten. Und die sie erlitt, weil sie sich für Gleichberechtigung, Meinungs- und Pressefreiheit eingesetzt hat.

Zeit zu Glänzen

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„…Die Frauen-Weltmeisterschaft war für mich nicht nur ein Turnier. Es war ein großer Teil meines Lebens, den ich wieder erleben möchte…“

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Verwirklichung eines Lebenstraums
WM 2019 Frankreich: Maryan Majd ist dabei! Als Fotografin vor Ort dokumentiert sie die Halbfinals und natürlich die US-Weltmeisterinnen

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Grenzüberschreitung
Die Aktivistin reiste auch schon ins Nachbarland Afghanistan, traf dort Madina Azizi (Bildmitte), supendierte Nationalspielerin ihres Landes. Kicken mit Freundinnen irgendwo in Kabul …

Universitätsprofessor für Geschichte. Er war in jungen Jahren Torwart, und ich habe immer leidenschaftlich seine Fotoalben und Zeitungen mit seinem Namen durchgesehen. Sport ist bei uns zu Hause nie verschwunden. Wir haben uns immer versammelt, um Fußballspiele zu sehen. Ich hatte ein Notizbuch mit Autogrammen von Fußballspielern und sammelte ihre Fotos. Zu dieser Zeit veröffentlichten die Zeitungen nur Männer in Sportfotos“, erzählt sie. „Es gab immer viele Zeitungen in unserem Haus, weil meine Eltern regelmäßig lasen. Ich erinnere mich, wie ich mit meinem Vater gestritten habe, weil ich der erste sein wollte, der die Seiten zum ersten Mal sah.“ Mit ihrem Bruder hat sie häufig selbst im Hof Fußball gespielt. „Da es keine Fußballschule für Mädchen gab, habe ich mich dafür entschieden, Volleyball zu spielen, zu laufen und dann Tennis zu spielen.“ Die Medaillen aus ihrer Teenagerzeit hat sie noch aufbewahrt.

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Bald fiel ihr der Mangel an Fotos in den Frauensportarten auf. Nach ihrer Ansicht nahmen es früher die Menschen nicht ernst, wenn iranische Frauen auf Sportfotos in den Zeitungen zu sehen waren. Sie begann damit, selbst welche zu machen. Frauen und Mädchen sollten sie ihren Vätern, Brüdern und Ehepartnern zeigen können, die ihnen nicht beim Spielen zusehen durften. Nachdem sie mit 17 einen Dokumentarfilm über junge Drogenabhängige im Iran gedreht hatte, fing sie an, professioneller zu fotografieren. Ihr Fokus: Die Unterdrückung von Frauen und Konflikte in der iranischen Gesellschaft und im Sport zu dokumentieren. „Viele sagen, ich sei die erste Fotografin im Iran, die sich mit diesem Thema befasst und andere Frauen für dieses Thema interessiert hat.“

Verhaftung vor der Reise nach Deutschland

Dass ihre Motivwahl in der Islamischen Republik zu Konflikten führen musste, versteht sich fast von selbst. Seit der Revolution 1979 gelten für die Veröffentlichung von Fotos von Frauen, insbesondere von Schauspielerinnen, Künstlerinnen und Sportlerinnen Einschränkungen. „Ich fühle mich den iranischen Sportlerinnen wirklich verpflichtet. Deshalb veröffentliche ich niemals Fotos, die für sie Probleme bereiten könnten.“ Die Schwierigkeiten bekam sie: Es war nur eine Frage der Zeit, bis die strengen Sittenwächter des erzkonservativen Klerus die Fotografin als Feindbild bekämpfen würden.

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Fotoprojekt im Norden des Iran
Spielerin Maryam Irandoost (Nr. 10) vom Frauenteam Malvan Bandar Azali im Winter 2018 (Oben) und einige Teammitglieder im Sommer (Unten)

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„Ich erinnere mich, als ich aus dem Gefängnis entlassen wurde und nachdem ich meine Familie getroffen hatte, ging ich in mein Zimmer und umarmte meine Kamera.“

Der Zeitpunkt kam kurz vor der Frauen-WM 2011 in Deutschland: Die ehemalige deutsche Fußball-Nationalspielerin Petra Landers hatte die iranische Aktivistin eingeladen, um das Turnier fotografisch zu begleiten. Doch sie kam hier nie an. „Ich war die erste Fotografin aus dem Iran, die die FIFAAkkreditierung erhalten hatte. Leider wurde ich in der Nacht, in der ich zum Flughafen fahren sollte, verhaftet und war 33 Tage in einer Einzelzelle eingesperrt.“ Als sie entlassen wurde, war die Weltmeisterschaft zu Ende. Und zurück blieb „ein zutiefst depressives und hoffnungsloses 24-jähriges Mädchen“, wie sie es schildert. „Ich erinnere mich, als ich aus dem Gefängnis entlassen wurde und nachdem ich meine Familie getroffen hatte, ging ich in mein Zimmer und umarmte meine Kamera.“ Maryam Majd sagt, sie sei mit ihr aufgewachsen: „Wenn ich nur die Linse betrachte, habe ich das Gefühl, damit etwas Großes bewegen zu können.“

Nach ihrem Gefängnisaufenthalt wollte und konnte sie indes nicht so weitermachen wie zuvor. Mehrere Zeitungen stellten die Zusammenarbeit ein. Sie verpasste auch die Frauen- WM 2015 in Kanada, weil sie ihr Land am Persischen Golf nicht verlassen konnte. Ihr Reisepass war eingezogen worden. Doch ihre Leidenschaft zerrte an ihr. Für die Männer-WM 2018 in Russland durchlief sie erneut das Akkreditierungsverfahren der FIFA. Da sich der Iran qualifiziert hatte, und Fotografen und Reporter aus den Teilnehmerländern feste Zugangsquoten erhalten würden, sollte es doch endlich klappen. Nun machte ihr der iranische Fußballverband einen Strich durch die Rechnung. Sie stehe auf der Flugverbotsliste für Auslandsreisen, hieß es. Was laut Maryam Majd gar nicht stimmte. Vergeblich schaltete sie die Asiatische Fußball-Konföderation (AFC) ein, um die Akkreditierung vor Fristablauf zu erhalten. Auch diese Tür fiel zu.

Dafür gingen unerwartet Tore in der Heimat auf, weil ihre nach Russland gereisten Landsleute und viele Exil-Iraner die WM-Bühne zum Protest nutzten. Am Rande der Gruppenspiele des Iran gegen Marokko (1:0) und Spanien (0:1) kam es in St. Petersburg und Kasan zu Verbrüderungsszenen mit ausländischen Besuchern. Junge Frauen in den Nationaltrikots und mächtig viel Schminke auf den Wangen umarmten oder küssten auf einmal fremde Menschen: Die demonstrative Botschaft: Wir lassen uns unsere Freiheit nicht nehmen. Die Posts in den sozialen Netzwerken verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. Der Druck auf das iranische Regime wuchs – und für das dritte WM-Gruppenspiel gegen Portugal (1:1) gab es auf einmal eine Public-Viewing-Veranstaltung im Azadi-Stadion, bei dem auch Frauen zugelassen waren. Maryam Majd erlebte in Teheran eine historische Nacht, die wie ein Lichtstrahl in der Finsternis erschien. „Ich war da. Ich habe fotografiert. Wenn ich in Russland gewesen wäre, hätte ich dieses große Ereignis verpasst.“

Wie ein Sonnenaufgang nach ewiger Dunkelheit sollten die Erfahrungen bei der diesjährigen Frauen-WM werden. Zum ersten Male konnte sie ausreisen. Weil sie alle Kosten in Frankreich selbst tragen musste, entschied sie sich, erst zu den Halbfinals einzusteigen. Sie opferte ihre Ersparnisse, fuhr mit dem Bus von Paris nach Lyon, weil es billiger war. Sie hatte zwar eine Fotoausrüstung mitgebracht, aber als sie sich zum Finale vom Hersteller Canon eine bessere Kamera und größeres Teleobjektiv leihen konnte, weinte sie fast vor Glück: Jedes einzelne Foto, das sie in Lyon machte, erinnerte auf einmal an die Frauen ihres Landes.

Aber nur eine Zeitung im Iran kaufte ihr Fotos ab, obwohl sie früher für zeitweise 15 Blätter gearbeitet hatte. Täglich erscheinen in Teheran mehrere Sportzeitungen, das Interesse am Fußball ist groß. Immerhin brachte die „Iran Varzeshi“ in der gedruckten und elektronischen Ausgabe (http://newspaper. iran-varzeshi.com) auf dem Titelblatt Alex Morgan, eine Ikone des US-Teams. Die allein auf Instagram weltweit von mehr als zehn Millionen Fans bewunderte Torjägerin hält beim Abspielen der Nationalhymne die Hand mit ihren blau lackierten Fingernägeln aufs Herz. „Ein Foto einer Fußballspielerin auf der Titelseite einer iranischen Zeitung: Das war eine große Sache“, sagt Maryam Majd. „Ich habe versucht, meine Bilder auch noch anderen Zeitungen zu verkaufen, aber leider war ich damit nicht erfolgreich, obwohl ich viele großartige Rückmeldungen bekommen habe.“

Am Tag vor dem WM-Finale zwischen USA und den Niederlanden (2:0) hatte sie Geburtstag und fühlte sich berufen, ihre überwältigenden Eindrücke mitzuteilen. Sie stellte auf ihrem Facebook- Profil einen Beitrag auf Persisch und Englisch ein. „Ich habe meinen Traum, an einer Frauen-Weltmeisterschaft teilzunehmen, nie und nie aufgegeben“, schrieb sie. „Ich habe hier meinen Traum mitgebracht. Der Traum, den ich hatte, als ich jung war. Können wir den Traum eines Menschen wirklich mit Alter, Zeit oder Ort begrenzen? Es fühlte sich an, als ginge endlich alles in Erfüllung.“ Zu ihrem Post aus dem WM-Sommer sagt sie im Rückblick: „Ich war alleine in meinem Hotel. Ich stand hinter dem Fenster und konnte das Stadion sehen. Ich war an meinem Geburtstag allein – und diese Nacht war der beste Geburtstag in meinem Leben.“

Sie erinnerte gleichzeitig daran, dass viele nicht oder nie ans Ziel gelangen: die benachteiligten Fußballerinnen in der Heimat, die die Spiele nicht einmal im Fernsehen sehen können – geschweige denn, dass sie selbst ein solches Turnier erleben. Und wenn die eigene Frauen-Nationalmannschaft es auch die nächsten Jahre nicht schafft, sich für eine WM zu qualifizieren, so die These der iranischen Fotografin, könnten die Spielerinnen doch nie Erfahrungen sammeln, um sich zu verbessern. Ein Teufelskreis.

„Ich war da. Ich habe fotografiert. Wenn ich in Russland gewesen wäre, hätte ich dieses große Ereignis verpasst.“

Dabei kann eine Frauen-WM so inspirierend sein. Maryam Majd war beeindruckt, wie sie vor dem Halbfinale durch die amerikanischen und britischen Zuschauer lief und Familien in den Trikots ihrer Teams sah. „Sie waren alle an einem Wochentag nach Lyon gekommen, um die Aufführung ihrer Frauen zu verfolgen.“ Für sie waren das ihre Vorbilder im Kampf für die Gleichberechtigung. In diesem Moment, fand sie, „war nicht mehr wichtig, wie viele Wunden ich hatte.“ Sie war gepackt vom Gefühl einer inneren Genugtuung, in der nicht mehr wichtig war, was passiert war. Wörtlich: „All die Steine, die man auf mich geworfen hat; all die Türen, die man mir zugeschlagen hat“. Tausende Male habe sie gehört, was man ihr zugerufen hatte: ‚Sie kann nicht, du kannst nicht‘.“ Und sie konnte eben doch.

Vom Internationalen Verband für Sportjournalisten (AIPS) wird Maryam Majd inzwischen als eine der besten zehn Fotografen für Sportfotografie in Asien und Ozeanien geführt. Sie besitzt damit im Iran ein Alleinstellungsmerkmal, was ihr einen gewissen Schutz zusichert. International ist sie auch dank ihrer englischen Sprachkenntnisse bestens vernetzt. Email, Facebook oder Twitter gehören zu ihren Stilmitteln. Denn der Kampf gegen Diskriminierung von Frauen ist noch längst nicht gewonnen.

Obwohl das 40 Jahre bestehende Stadionverbot für Frauen beim WM-Qualifikationsspiel Iran gegen Kambodscha (14:0) am 10. Oktober erstmals aufgehoben wurde und 4000 Frauen auf die Tribüne durften, gab es erhebliche Einschränkungen: Die separaten Bereichen waren mit Zäunen umgeben, der Zugang ins Azadi-Stadion, was übersetzt Freiheit bedeutet, erfolgte unter Aufsicht weiblicher Polizisten. Aber: Weiblichen Fotografen wurde keine Akkreditierung gewährt, obwohl dies vom Sportministerium unter Leitung von Massud Soltanifar vorher versprochen worden war. Maryam Majd hatte sich eines der Tickets besorgt: „Also bin ich als Zuschauer auf die Tribüne gegangen und hatte meine Kamera in einer Tasche mitgebracht.“ Von dort machte sie ihre Aufnahmen. Sie selbst trug keine Fankleidung, sondern Schwarz. Denn so freudig das Ereignis vordergründig schien, so traurig die Hintergründe.

„Die Tragik um das „Blaue Mädchen“

Vermutlich wäre es kaum zur Öffnung gekommen, wenn nicht die iranische Aktivistin Sahar Kyodayari gestorben wäre. Die 29-Jährige hatte sich im März bei einem Heimspiel von Esteghal Teheran als Mann verkleidet in die gewaltige Betonschüssel geschlichen, von der man einen wunderbaren Blick auf das Elburs-Gebirge besitzt, aber auch die riesigen Porträts der Religionsführer Ajatollah Khomeini und Ali Khamenei anschaut. Im Schutz der Menge postete die junge Frau ein Bild in blauer Fankleidung. Doch wenig später wurde sie enttarnt und für drei Tage verhaftet. Als sie Anfang September vor Gericht erfuhr, dass sie für ein halbes Jahr ins Gefängnis sollte, übergoss sich die junge Frau mit einer brennbaren Flüssigkeit, zündete sich an – erlag wenige Tage später ihren schweren Verbrennungen. Das „blaue Mädchen“ stieg zur Ikone des Protestes auf. Maryam Majd sagt: „Sahar war ein Symbol. Von einer jungen und kämpferischen Generation. Sie und andere sind nicht wenige. Frauen sind die Hälfte der Bevölkerung in diesem Land.“ Und das ist mit seiner Einwohnerzahl (81,1 Millionen) fast so groß wie Deutschland.

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Historisch
4000 feiern ausgelassen – Frauen dürfen im Oktober 2019 nach 40 Jahren endlich wieder in Fußball-Stadion. Ein erster Schritt …

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In den Straßen von Teheran
Hosnia Mirhadi – Bekannte und einzige Fusball-Freestylerin ihrer Heimat

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„Frauen müssen zugelassen werden, wir müssen das durchsetzen. Respektvoll, aber mit Nachdruck.“
FIFA-Präsident
Gianni Infantino

Auch von dort kam Anteilnahme. Pernille Harder, die Weltklasseangreiferin vom VfL Wolfsburg, twitterte: „This is awful! RIP.“ Dem weltweiten Aufschrei konnte sich der Fußball-Weltverband nicht länger entziehen. Die FIFA verlangte vom iranischen Verband, zumindest für WM-Qualifikationsspiele endlich die Tore zu öffnen. Denn in den Statuten ist unmissverständlich die Gleichbehandlung von Männern und Frauen verankert. Druckmittel bildete ein Ausschluss für die WM 2022 in Katar. FIFA-Präsident Gianni Infantino sagte: „Frauen müssen zugelassen werden, wir müssen das durchsetzen. Respektvoll, aber mit Nachdruck.“ In einer offiziellen FIFA-Mitteilung hieß es am 21. September: „Unsere Position ist klar: Frauen müssen im Iran in Fußball-Stadien gelassen werden. Für alle Spiele.“ Maryam Majd erlebte einen Tag später, dass es sich bei dem Statement um Wunschdenken handelt. Für das wichtigste Fußballspiel in Teheran, dem Derby zwischen den Hauptstadtklubs Esteghlal und Persepolis (0:1) in der Persian Gulf Pro League traute sie sich wegen der angespannten Sicherheitslage nicht einmal in die Nähe des Stadions. Die Tore blieben für Frauen verschlossen.

Obwohl sogar Staatpräsident Hassan Ruhani erkannt hat, dass das Verbot nicht mehr dem Zeitgeist entspricht, ist der Widerstand allgegenwärtig. „Das ist ein kalkulierter Plan, die Frauen im Iran von ihren islamischen Kriterien zu entfernen“, sagte der Generalstaatsanwalt Mohamed Dschafar Montaseri. Die Aufhebung sei „ein weicher Krieg der Feinde“ mit dem Ziel, das politische Regime im Iran zu schwächen. Gegen solche Argumente hilft nur kollektive Gegenwehr. „Frauen auf der ganzen Welt können vereint und sehr effektiv sein. Auch wenn es so viele Jahre dauert“, sagt Maryam Majd.

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Licht und Schatten
Malavans Führungsspielerin Mojdeh Vosogh wärhend einer Ligaspielpause in der Kabine

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Mutter mit Tochter
Sahel Rafifi war einst Torhüterin des FC Malvan. Die Spiele heute verfolgt sie im Stadion san Sirous mit Kind jenseits des Zaunes

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Discover Football
Seit zehn Jahren im Zeichen und Auftrag des Frauenfussballs

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Sie war auch an der Veröffentlichung der Vorwürfe gegen den afghanischen Fußball-Verbandspräsidenten Keramuddin Karim beteiligt, der inzwischen von der FIFA-Ethikkommission wegen des sexuellen Missbrauchs mehrerer Nationalspielerinnen lebenslang gesperrt worden ist. Als sie zu den Parlamentswahlen in Kabul einen Beitrag für einen europäischen Nachrichtenkanal drehte, erfuhr sie von dem Fall und forschte nach. Die unermüdliche Kämpferin Maryam Majd („Ich glaube, ich habe diese Mission“) wollte den Betroffenen eine Stimme geben. Und sie möchte, dass noch mehr Männer und Frauen sich zum Protest erheben. „Ich glaube, die größten Spieler der Welt haben einen großen Einfluss, die Meinungen der Frauen zu kommunizieren. Ich habe den Sport nie als politische Angelegenheit angesehen, es sei denn, die Politik möchte sich in den Sport einmischen.“

Keine hat sich so sehr für die Belange stark gemacht wie Megan Rapinoe bei der Frauen-WM 2019. Auch sie fühlte sich für viel mehr verantwortlich, als nur gut Fußball zu spielen. Ihr Kampf gegen Rassismus, Diskriminierung, Homophobie und für Gleichberechtigung prägte ein Fußball-Turnier wie niemals zuvor. Die 34 Jahre alte US-Vorkämpferin rief erst bei ihrer Ehrung zur Weltfußballerin in Mailand aus: „Wir haben die einzigartige Möglichkeit im Fußball, anders als in jedem anderen Sport, dieses wundervolle Spiel zu nutzen, um die Welt zum Besseren zu verändern.“

Dokumentation einer Rückkehr

Das geht im Großen wie im Kleinen. Maryam Majd begleitete diesen Sommer die iranische Fußball-Trainerin Maryam Irandoost zum Kulturfestival „Discover Football“ nach Berlin, das seit zehn Jahren im Zeichen des Frauenfußballs ausgerichtet wird. Auch die 40-Jährige setzt sich im Iran für Chancengleichheit ein, musste dann aber mitansehen, wie in ihrem Verein Malavan Bandar Azali 2016 das Frauenteam aufgelöst wurde. Der Klub in der Hafenstadt am Kaspischen Meer fabulierte von einem sinkenden, sturmgepeitschten Schiff, das überflüssige Lasten abwerfen müsse. Die Frauen als Ballast, der einfach über Bord ging.

„Sie waren eine großartige Mannschaft. Die meisten Spielerinnen haben früher als Mädchen auf Bauernhöfen gearbeitet und ihre Familien mitversorgt“, weiß Maryam Majd. „Als sie nach zwei Jahren zurückkamen, entschloss ich mich, bei diesem Team zu sein.“ Als es erstmals wieder im Stadion San Sirous – benannt nach dem 1998 bei einem Unfall verstorbenen iranischen Nationalmannschaftskapitän Sirous Ghayeghran – antrat, fotografierte sie die Rückkehr, fuhr die sieben Autostunden von Teheran nach Anzali, „weil ich wollte, dass meine Fotos eine historische Erzählung für die nächste Generation sind.“ Die Bilder von den Frauen, die in Hidschab und langer Unterziehhose Fußball spielen, vermitteln – je nach dem Auge des Betrachters – ein Gefühl von Befreiung und Bedrückung. Aber sie sagen über die Situation mehr als 1000 Worte.

Maryam Majd traf im Berliner Stadtteil Kreuzberg auch mit Monika Staab zusammen, die derzeit im Auftrag des Auswärtigen Amtes den Frauenfußball in Gambia voranbringt. Nachdem
sie den 1. FFC Frankfurt als Trainerin zu zahlreichen Titeln geführt hatte, ist die 60-Jährige heute beseelt davon, über den Fußball die Gleichberechtigung von Frauen und Mädchen voranzubringen. Die Entwicklungshelferin arbeitete bereits in Katar oder Bahrain als Nationaltrainerin, auch in vielen anderen arabischen Ländern. Dreimal reiste sie für Trainerfortbildungen in den Iran, das erste Mal 2008, und sie erinnert sich noch daran, dass sie sich vor dem Aussteigen aus dem Flugzeug ein viel zu großes Männer-Jackett leihen musste, weil sie sonst mit unbedeckten Armen ausgestiegen wäre.

Zwangsläufig entdeckten die tüchtige Pionierin und die tapfere Fotografin bei ihrem grenzenlosen Ansinnen eine Menge Gemeinsamkeiten. Kurios: Obwohl Maryam Majd eigentlich bei dem Kulturfestival für einen Workshop eingeladen war, sollte sie auf einmal selbst Fußball spielen – und Monika Staab war dabei ihre Trainerin. Lange überlegen musste sie nicht: „Während des Aufwärmens wurde mir beigebracht, wie man den Ball schießt, wie man ihn kontrolliert, wie man ihn weitergibt. Wahrscheinlich war es für eine 32-jährige Frau zu spät, Fußball zu lernen, aber das Alter ist nur eine Zahl. Weil ich in meinem Leben die Erfahrung gemacht habe, dass mich nichts aufhalten kann.“ Erstaunt stellte sie eine wichtige Parallele zwischen Fußball und Fotografieren fest: beides erfordert dieselbe Handlungsschnelligkeit.

Monika Staab hat höchsten Respekt vor dem Engagement von Maryam Mayd und weiß aus den Gesprächen bei dem Kulturfestival, „dass 70 Prozent der iranischen Bevölkerung mit den strengen Vorgaben nicht glücklich sind“. Umso mehr braucht es starke Persönlichkeiten, die ihre Stimme erheben. Und den Worten dann auch Taten folgen lassen. Maryam Majd („In den letzten zehn Jahren ist es besser geworden“) wird bei ihrem Kampf nicht locker lassen, auch wenn sie wegen der schlechten Bezahlung keine Zukunft in der Sportfotografie mehr sieht. Sie hat für sich beschlossen, für das Kino zu arbeiten, ihre Filmprojekte abzuschließen und an Sportveranstaltungen teilzunehmen.

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Monika Staab
Pionierin und Entwicklungshelferin

Nach dem ersten Stadionbesuch nach fast 40 Jahren sollen iranische Frauen für die nächsten Fußballspiele ein höhreres Ticketkontingent erhalten. „Inschallah (so Gott will) … wenn die Frauen das wollen, kriegen sie das auch“, sagte Massumeh Ebtekar, Vizepräsidentin das Iran für Frauen und Familienangelegenheiten. Für das WM-Qualifikationsspiel Iran gegen Kambodscha (14:0) durften iranische Frauen erstmals ein Ticket kaufen. Die 3500 bis 4000 Eintrittkarten waren in kürzester Zeit ausverkauft. Laut Medienberichten waren gerade mal 2500 Männer im Stadion. „Mit den Frauen ka auch der Torregion“, sagte Vizepräsentation Ebtekar.

„Ich möchte gerne reisen, um das Leben und die Hoffnung der Frauen und Mädchen in meinen Bildern festzuhalten. Ich glaube, dass der Sport den Mädchen auf der ganzen Welt ein hohes Maß an Hoffnung und Motivation gibt. Ich hoffe, dass ich eines Tages ein Medium haben kann, das mir auf diese Weise hilft. “