Zeigen, was möglich ist! – Anna Wellmann

Anna Wellmann wurde am 19. Mai 1995 in Xanten geboren und spielt seit der Saison 2021/22 für Turbine Potsdam. In der abgelaufenen Spielzeit machte die 27-Jährige 10 Liga- und 5 Pokal-Partien für ihren Club. Während der Saison und gerade im Vorlauf auf das DFB-Pokalfinale bereitete sich Wellmann gemeinsam mit Sven Schimmel auf Herausforderungen, Rückschläge und Drucksituationen gezielt vor. In ELFEN #9 haben wir die Arbeit von Schimmel vorgestellt – hier wird die Sichtweise von Anna Wellmann im ausführlichen Interview beleuchtet.

Anna Wellmann / IMAGO/foto2press

Anna Wellmann / IMAGO/foto2press

Wenn auch immer wichtiger, ist mentale Betreuung im Profi-Sport keine Normalität. Wie hast du die Arbeit mit Sven wahrgenommen?

Grundsätzlich war es mit Sven vor allem eine sehr intensive Zeit. Sich A mit sich selbst auseinanderzusetzten und B an das sportliche auch mal aus einer Sicht der Persönlichkeitsentwicklung heranzugehen. Im Hinblick auf das DFB-Pokalfinale, was für viele Spielerinnen bei uns ein absolutes Highlight-Spiel war, war das schon besonders.

Du sprichst es schon an, war die Vorbereitung auf das DFB-Pokalfinale gegen den VfL Wolfsburg anders, als die Arbeit im Vorfeld mit Sven?

Ich glaube, auch wenn ein solches Highlight-Spiel ansteht, haben wir nichts ‚Besonderes‘ gemacht. Wir haben uns eher in der Zeit vor dem Spiel noch mehr auf das fokussiert, was in den Monaten davor erarbeitet wurde, welche Strategien wir gefunden haben und dann haben wir geschaut, wie wir das stärken oder festigen können. Das waren ganz verschiedene Ansätze, Dinge, die eine Spielerin braucht, Druck aus Situationen nehmen, Selbstvertrauen stärken. Sven hat uns da viele Dinge an die Hand gegeben aber auch klargestellt, dass wir eben nichts ‚Besonderes‘ machen müssen, nur weil es vielleicht ein besonderes Spiel ist.

Sozusagen ein Rezept wird es da also nicht geben und Sven hat sich mit euch ganz individuelle Dinge erarbeitet?

Da gibt es keine Formel oder ein Rezept, das stimmt. Sven kann das bestätigen, für jeden, mit dem er zusammenarbeitet gibt es komplett unterschiedliche Ansätze, die er oder sie eben braucht.

Wie seid ihr also DFB-Pokalfinale angegangen?

Wir sind schon mit einer gewissen Portion Realismus an diese Partie rangegangen. Potsdam hatte im Vorfeld für zehn Jahre den Pokal nicht geholt und mit dem VfL Wolfsburg als Gegner war klar, dass uns schon die Underdog-Rolle zukommt. Nichtsdestotrotz bestand für uns eine Chance, die wir auch nutzen wollten. Für viele von uns in der Mannschaft war es auch das erste Finale, in dem sie standen. Vor dem Spiel habe ich einen für mich entscheidenden Satz gehört: „Egal was passiert, wir bekommen eine Medaille.“ Das ist schon etwas, was sich in unseren Köpfen verankert hat. Dieses Spiel war, egal wie es dann am Ende ausgegangen ist, die Krönung unserer letzten Saison.

Das klingt, als hätte es für euch wenig zu verlieren gegeben?

Das stimmt schon. Es war schon vor der Partie klar, dass unsere Mannschaft nach der Saison nicht mehr so zusammenspielen wird. Für mich war das gar nicht negativ oder so, dass ich gesagt haben, dass ich deswegen traurig bin. Ich glaube das ist ein Teil des Mindset, das ich durch die Arbeit mit Sven erlangt habe. Die Tatsache, dass wir eben so nie wieder zusammenspielen würden, war mich extra Motivation, wir konnten mit genau den Mädels auf dem Platz noch einmal alles rausholen, was geht.

Sven erzählte uns in ELFEN #9, dass für ihn das mentale Training in den Alltag von Sportlerinnen und Sportlern gehören sollte, wie auch Ernährungslehre, Regeneration oder Fitness. Du hast dich mit dem Thema schon ‚vor Sven‘ auseinandergesetzt – siehst du das also auch so?

Absolut! Bei meiner letzten Station vor Turbine Potsdam, als ich beim FC Bayern München in der Reserve aufgelaufen bin, konnte ich vereinsintern auch mentales Coaching beanspruchen. Gerade, weil ich nicht so den klassischen Weg über Nachwuchsmannschaften oder gar ein Internat oder die U-Nationalmannschaft gegangen bin, habe ich immer versucht alle möglichen Wege, damit ich mich verbessere, zu wählen. Ich habe das nie als Schwäche wahrgenommen, wenn ich mir derartige Hilfe geholt habe. Für mich ging es immer darum, meine Performance zu optimieren. Da spielt es auch mit rein, dass ich ein klarer Kopf-Mensch bin, ich mache mir immer viele Gedanken. Mittlerweile ist mir bewusst: Wenn ich im Kopf klar bin, bin ich auf dem Fußballplatz klar. Wie auch Essen, Schlafen, Regeneration gehört für mich so etwas wie mentales Coaching schon immer dazu.

Warum glaubst du, ist mentales Coaching dann doch oft noch eine Art tabuisiertes Thema in Vereinen oder Verbänden?

Auf der einen Seite denke ich, dass viele Sportlerinnen und Sportler noch nicht sehen, dass sich Mentaltraining überhaupt lohnt und auf der anderen Seite braucht es schlicht eine gehörige Portion Mut, sich für diese Hilfen zu entscheiden. Es geht für mich, auch bei der Arbeit mit Sven, nicht nur darum eine bessere Sportlerin zu werden, es geht mir auch viel um Persönlichkeitsentwicklung. Sich mit diesen Dingen, mit sich selbst auseinanderzusetzen. Das braucht einfach Mut. Ich finde das aber brutal wichtig, grade in einer Zeit, in der auch der Fußball für Frauen immer professioneller wird. Dadurch steigt für junge Spielerinnen auch der Druck, damit muss man erstmal umgehen können. Ich hoffe, dass mehr Sportler und Sportlerinnen diesem Thema gegenüber offen bleiben und mutig sind sich mit sich näher auseinanderzusetzen.

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